„Jura ist nur Auswendiglernen“ – 6 Mythen über das Jurastudium und was an ihnen dran ist

Über das Jurastudium gibt es so manche (Vor-)Urteile. Spielt man ernsthaft mit dem Gedanken, Jura zu studieren, stößt man zweifelsohne auf den ein oder anderen Mythos. Vor allem sein Ruf als trockenes, lernintensives und mit enormen Belastungen verbundenes Studium eilt Jura voraus. In diesem Beitrag geht unsere Autorin Lea den hartnäckigsten Klischees auf den Grund.

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1. Bei Jura steht doch alles im Gesetz

Wie toll es doch wäre, wenn tatsächlich alles im Gesetz stünde. Das hätte mir unzählige Stunden des Auswendiglernens von Streitständen erspart. Tatsächlich ist es aber so, dass die abstrakt-generellen Normen, d.h. Vorschriften die auf unzählige Fälle anwendbar sind, teils auslegungsbedürftig sind. Nur so gelingt es in der Rechtsanwendung „gerechte“ Lösungen zu finde.

In der Konsequenz bedeutet es dann aber auch, dass es verschiedene Interpretationsmöglichkeiten mit entsprechenden Argumentationen gibt. Je weiter man in der juristischen Ausbildung voranschreitet, desto leichter mag es einem fallen, diese Interpretationen selbst zu entwickeln. Bis dahin bleibt einem aber selten etwas anders übrig, als die bestehenden Meinungen auswendig zu lernen. Der Gesetzeswortlaut an sich ist dafür zwar eine gute Grundlage, aber meist nicht ausreichend. Nicht grundlos dürfen im Zweiten Staatsexamen Kommentare bei der Bearbeitung der Klausuren verwendet werden.

Im Ergebnis kommen wir JuristInnen mit dem Gesetzestext allein ungefähr so weit, wie die NaturwissenschaftlerInnen mit dem angedruckten Periodensystem.

2. Jura ist furchtbar trocken

Wohl DIE Aussage über das Jurastudium ist, dass es super trocken ist. Ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht so genau, was damit eigentlich gemeint ist. Bezieht man es darauf, dass man viel Theorie und (vermeintlich) abstrakte Streitstände lernt, so mag das wohl sein. Doch die Streitstände sind typischerweise der Praxis entsprungen oder ihr zumindest angelehnt, weil sie im Rahmen eines realen Sachverhaltes aufgetaucht sind. Auch steht durch die Bearbeitung von Fällen und der Erstellung von Gutachten als Prüfungsleistungen stetig die Anwendung der Gesetze und des juristischen Handwerkzeugs im Vordergrund. 

Die Vermittlung von theoretischem Wissen steht zwar im Mittelpunkt des Studiums. Den Vorwurf es sei so „trocken“, könnte man dann wohl jedoch an jedes beliebige Studienfach richten, da dies charakteristisch für das Studieren an sich ist. Der großen Unterschied zum Jurastudium könnte jedoch in der Masse an Stoff liegen, die man im Laufe des Jurastudiums zu bewältigen hat.

3. Nur mit Prädikatsexamen kann man Karriere machen

Auch der Mythos, dass man nur mit einem Prädikat, d.h. mindestens 9 Punkten im Examen, Karriere machen kann, hält sich wacker. Die Durchschnittsergebnisse beider Examina zeigen aber deutlich, dass das in der Praxis faktisch nicht (mehr) so ist. Und auch der stetige „Juristenmangel“ – durch Pensionierungswellen und demographischen Wandel – tut sein übriges dafür, dass man „auch“ mit einem Examen unterhalb des Prädikats eine breite Auswahl auf dem Arbeitsmarkt und damit zur beruflichen Selbstverwirklichung hat. Die Aussage, dass man entweder Taxifahrer oder reich wird, ist tatsächlich nur ein Mythos. Dies dürfte hoffentlich dem ein oder anderen den Druck hinsichtlich der Examensnote etwas nehmen.

4. Jurastudierende sind EinzelkämpferInnen

Irgendwann im Studienverlauf hört man davon, dass Hausarbeiten geklaut, Zeitschriften versteckt oder Seiten herausgerissen werden. Wie viel da tatsächlich dran ist oder ob es zu großen Teilen nur Urban Legends sind, lässt sich schwer sagen. Jedoch bilden sich schon früh im Studium Freundschaften oder auch Lerngruppen. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass wenn man die für sich „richtigen“ KommilitonInnen gefunden hat, man sich gegenseitig unterstützt und motiviert. Sicherlich mag es den ein oder anderen Studierenden geben, der egozentrisch sein mag, doch auch das ist kein Alleinstellungsmerkmal für JuristInnen.

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5. Man muss ein einser Abi haben

Auch die Vorstellung, dass man extrem intelligent sein oder ein einser Abischnitt haben muss, um das Examen zu bestehen, hält sich beständig.

Wer diesen Schnitt erreicht hat, hat zwar bereits in der Schule gezeigt, dass er oder sie diszipliniert viele Themenbereiche erarbeiten kann. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass das ein Garant oder gar die Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Jurastudium ist. Jura ist ein Marathon, bei dem man sich über Jahre stetig bereit gefächertes Wissen aneignet. Dafür braucht es vor allem Durchhaltevermögen und hohe intrinsische Motivation. Auch ein Schüler, der sein Abi mit einer Null-Bock-Einstellung bestanden hat und dann aber seine Leidenschaft für Jura entdeckt, wird das Studium (besser) meistern können, als ein/e AbiturientIn mit einem Schnitt von 1,0.

6. Mut zur Lücke

Allein die im Studium und Examen vorausgesetzte Stoffmenge sorgt dafür, dass es faktisch unmöglich ist, alles im Detail zu beherrschen. Folglich ist es unverzichtbar, schon früh den Stoff zu priorisieren und herauszufinden, was „relevant“ ist. „Mut zur Lücke“ als Motto im Studium ist daher meiner Ansicht nach Interpretationssache. Versteht man es so, dass man sich Themen gar nicht anschaut, kann man damit ziemlich auf die Nase fallen. Beherzigt man es jedoch, indem man nicht allzu streng mit sich selbst ins Gericht geht und es als in der Natur der Sache liegend ansieht, dass man nicht alles gleich gut können kann, kann es ein gesunder Weg sein, mit den Erwartungen und dem Druck, den das Studium mit sich bringt, umzugehen.

Fazit

Über das Jurastudium existieren weit mehr, als die hier angesprochenen Mythen. Doch wirklich viel, scheint an diesen nicht dran zu sein. Jeder kann im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst entscheiden, wie er sich das Studium gestaltet, und damit auch, wieweit eines dieser Mythen auf ihn oder sie und sein oder ihr Studium zutrifft.

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