10 Dinge, die dir im Jurastudium niemand sagt (aber im Berufsalltag entscheidend sind)

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Du glaubst, im (gefühlt endlosen) Jurastudium alles Wichtige für den Berufsalltag als Jurist zu lernen?

Dann muss ich dich enttäuschen. Hier kommen 10 Dinge, die im späteren Berufsalltag als Jurist/in überraschend viel wichtiger sind, als es im Jurastudium den Anschein hat. Und dazu für den Alltag zweifelsohne nützlicher sind, als zu wissen viele Verträge an der Kasse geschlossen werden. 

1. Prozessrecht

Die Ausschnitte, die man für das Staatsexamen im Zivilrecht, Strafrecht oder Verwaltungsrecht lernt, sind oft oberflächlich. Ohne solide Kenntnisse des Prozessrechts bist du im Berufsalltag schnell verloren. Egal ob als Anwalt, Richterin oder Staatsanwalt. 

2. Mathe

Du hast Jura studiert, um nie wieder rechnen zu müssen? Schlechte Nachrichten: Kostenfestsetzung, Gebührenberechnung oder Buchhaltung. Mathe ist Bestandteil des juristischen Alltages. Und zwar häufiger, als man denkt. 

3. Kommunikation

Nach Jahren im Jura Studium könnte man annehmen, man kommt auch ohne große Kommunikation aus. Die Realität sieht anders aus. Egal ob Mandantengespräch, Verhandlung oder Verständigung. Kommunikation ist im Berufsalltag als Jurist oder Juristin zentral. Ohne klare Kommunikation scheitert es schnell. 

4. Selbstbewusstsein

Sehr viel häufiger, als man denkt, hat man keine Ahnung und muss trotzdem überzeugend wirken. Ob in der Sitzungsvertretung oder im Mandantengespräch. Es darf nur niemand merken. Das Auftreten ist mindestens genauso wichtig Wissen. 

5. Spontanität

Im Studium bestimmst du deinen Tagesablauf selbst. Der Berufsalltag hängt aber von unzähligen Menschen ab, denen ständig was dazwischenkommt. Flexibilität ist also Voraussetzung, um trotzdem produktiv zu sein.

6. Entscheidungen

Im Jurastudium wägt man seitenlang ab. Im juristischen Alltag musst du schnelle Entscheidungen ohne perfekte Informationslage treffen. 

7. Sicherheit

Wenn du im „echten“ Leben so lange sucht, bis eine 100% richtige juristische Lösung hast, suchst du für immer. Es gibt fast immer mehrere vertretbare Ansichten. Es zählt nicht mehr die Meinung des Professors, sondern deine (solange der BGH keine hat). 

8. Steuern und Finanzen

Im Studium spielt das Steuerrecht doch nur sehr selten eine Rolle. Im Alltag schon häufiger. Einkommenssteuer, Selbstständigkeit, Abrechnungen, über all das verliert im Jurastudium niemand ein Wort.

9. Sozialkompetenz

Das Studium bringt dir viel bei, aber garantiert keine Sozialkompetenz. Dabei arbeitest du ständig mit Menschen. Und es hilft enorm, wenn nicht alle innerlich die Augen verdrehen, sobald dein Name auf dem Display erscheint. 

10. Stress

Spaß. Stresserprobt ist man. Es heißt nicht umsonst: „das Staatsexamen ist ein Stresstest“

Das bedeutet aber auch, dass es für den Berufsalltag als Jurist nicht nur auf die Noten aus dem 1. Staatsexamen ankommt. 

Die Hoffnung besteht, also auch ohne 18 Punkte Examen mit den richtigen Fähigkeiten (hervorragende Mathekenntnissen und ausgezeichneten Sozialkompetenzen) deinen Job mehr als nur befriedigend zu erledigen. 

Welche Kompetenz fehlt deiner Meinung nach im Jurastudium? 

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Jura, mein Leben oder Jura und mein Leben? Warum eine gesunde Work-Life-Balance kein Luxus, sondern notwendig ist 

„Jura ist kein Studium, sondern ein Lebensstil“ – Sätze wie diesen hört man oft bereits in den ersten Wochen des Studiums. Gesetzestexte, Hausarbeiten, Praktika, Klausurenphasen und das allgegenwärtige Staatsexamen scheinen schnell den gesamten Alltag einzunehmen. Doch genau hier stellt sich die entscheidende Frage: Ist Jura mein Leben – oder ist Jura ein Teil meines Lebens? Dieser Frage geht unsere Autorin Sophia im heutigen Blogpost auf den Grund.

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Als ich vor ein paar Tagen wieder einmal dabei war, mir meine tägliche Dosis Social Media Content abzuholen, scrollte ich durch Instagram und das erste Reel, das mir vorgeschlagen wurde startete mit den Worten: „Wisst ihr, was im Jurastudium wirklich underrated ist? Normale Leute, mit denen man eine normale Unterhaltung führen kann, bei der es nicht nur um Jura geht.“ Und irgendwie habe ich mich dabei ertappt, diesen Gedanken auch schon mal gehabt zu haben. Manchmal ist man beim Mittagessen in der Mensa oder bei der Houseparty mit Kommilitoninnen einfach nur dankbar dafür, wenn es mal nicht um Jura geht und ich glaube, so geht es Vielen.

Wenn Jura das ganze Leben bestimmt

Das Jurastudium ist anspruchsvoll und zeitintensiv. Klausuren, Hausarbeiten und das Hinarbeiten aufs Staatsexamen können schnell den gesamten Alltag einnehmen. Freizeit fühlt sich dann wie verlorene Zeit an, Pausen machen permanent ein schlechtes Gewissen, soziale Kontakte und Hobbys geraten in den Hintergrund. Auf Dauer führt dieser Druck jedoch oft zu Erschöpfung und sinkender Motivation, was sich ironischerweise dann eher negativ auf die Lernleistung auswirkt.

Jura UND mein Leben – ein gesunder Ansatz

Eine gesunde Work-Life-Balance bedeutet nicht, weniger engagiert zu sein. Sie bedeutet vielmehr, Jura als wichtigen Teil des Lebens zu sehen, vielleicht sogar als Leidenschaft, aber eben nicht als den einzigen Teil des Lebens. Erfolg im Studium und im Beruf entstehen nicht nur durch lange Lernzeiten, sondern auch durch Konzentration, mentale Stärke und Ausgleich.

Wer regelmäßig Pausen einplant, Sport treibt, Freundschaften pflegt und Zeit für sich selbst nimmt, schafft die Grundlage für nachhaltige Leistungsfähigkeit. Ein Spaziergang, ein Abend mit Freunden oder ein Wochenende ohne Gesetzestexte sind keine verlorene Zeit. Auch auf Urlaube sollte man nicht verzichten, nur weil man Jura studiert. All das sind Investitionen in die eigene Energie und Motivation.

Die Illusion der ständigen Produktivität

In der juristischen Ausbildung herrscht oft das Gefühl, man müsse 24/7 produktiv sein. Lernpläne, Repetitorien und der ständige Vergleich verstärken diese Wahrnehmung. Doch wer kann schon dauerhaft auf Höchstleistung arbeiten? Superhelden vielleicht. Aber das sind wir nicht (auch, wenn manch ein Jurist sich als Superheld sehen mag).

Man sollte sich bewusst machen: Qualität ist wichtiger als Quantität. Vier konzentrierte Lernstunden können oft wertvoller sein als zehn Stunden am Schreibtisch ohne Fokus. Eine strukturierte Planung mit festen Lernzeiten und klar definierten Pausen hilft dabei, produktiv zu bleiben und gleichzeitig gesund zu leben. Und Gesundheit ist meiner Meinung nach das A und O. Das habe ich zum Glück aus meiner Vorbereitung auf’s erste Examen mitgenommen: Ich würde nie wieder Jura über meine Gesundheit stellen. Wenn mein Körper gerade nicht kann, dann zwinge ich ihn auch nicht, nur weil ein Staatsexamen kurz bevor steht.

Grenzen setzen lernen

Ein wichtiger Schritt zu einer gesunden Work-Life-Balance ist es, sich selbst Grenzen setzen zu können. Das bedeutet zum Beispiel:

– feste Lernzeiten statt rund um die Uhr Lernen  

– bewusste Freizeit ohne schlechtes Gewissen  

– realistische Ziele statt Perfektionismus  

– Zeit für Familie, Freunde und Hobbys  

– ausreichend Schlaf und Bewegung  

Grenzen zu setzen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstmanagement und Verantwortung gegenüber der eigenen Gesundheit.

Warum eine Work-Life-Balance gerade für Juristen so wichtig ist

Der juristische Beruf (angefangen mit der Ausbildung) ist langfristig anspruchsvoll – egal ob in Kanzlei, Unternehmen, Verwaltung oder Justiz. Wer schon im Studium lernt, auf sich selbst zu achten, entwickelt wichtige Fähigkeiten für das spätere Berufsleben: Stressmanagement, Belastbarkeit, Zeitmanagement und Selbstfürsorge (und neben der Examensnote werden diese Fähigkeiten für Arbeitgeber immer relevanter).

Eine gesunde Balance sorgt nicht nur für bessere Leistungen, sondern auch für mehr Zufriedenheit und langfristige Motivation. Jura kann ein erfüllender und spannender Lebensweg sein – aber nur, wenn genügend Raum für das eigene Leben bleibt.

Fazit: Jura ist ein Teil deines Lebens – nicht dein ganzes Leben

Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob Jura wichtig ist, sondern welchen Platz Jura im eigenen Leben einnehmen soll.  Jura darf fordern, aber es sollte nicht alles bestimmen. Erfolg entsteht nicht durch Selbstaufgabe, sondern durch Balance.

Jura mein Leben oder Jura und mein Leben? Meine Antwort ist klar: Jura und mein Leben. Denn nur wer auch lebt (und ab und zu mal eine Unterhaltung führt, bei der es nicht um Jura geht), bleibt im Jurastudium als auch im Beruf langfristig erfolgreich.

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„Jura ist nur Auswendiglernen“ – 6 Mythen über das Jurastudium und was an ihnen dran ist

Über das Jurastudium gibt es so manche (Vor-)Urteile. Spielt man ernsthaft mit dem Gedanken, Jura zu studieren, stößt man zweifelsohne auf den ein oder anderen Mythos. Vor allem sein Ruf als trockenes, lernintensives und mit enormen Belastungen verbundenes Studium eilt Jura voraus. In diesem Beitrag geht unsere Autorin Lea den hartnäckigsten Klischees auf den Grund.

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1. Bei Jura steht doch alles im Gesetz

Wie toll es doch wäre, wenn tatsächlich alles im Gesetz stünde. Das hätte mir unzählige Stunden des Auswendiglernens von Streitständen erspart. Tatsächlich ist es aber so, dass die abstrakt-generellen Normen, d.h. Vorschriften die auf unzählige Fälle anwendbar sind, teils auslegungsbedürftig sind. Nur so gelingt es in der Rechtsanwendung „gerechte“ Lösungen zu finde.

In der Konsequenz bedeutet es dann aber auch, dass es verschiedene Interpretationsmöglichkeiten mit entsprechenden Argumentationen gibt. Je weiter man in der juristischen Ausbildung voranschreitet, desto leichter mag es einem fallen, diese Interpretationen selbst zu entwickeln. Bis dahin bleibt einem aber selten etwas anders übrig, als die bestehenden Meinungen auswendig zu lernen. Der Gesetzeswortlaut an sich ist dafür zwar eine gute Grundlage, aber meist nicht ausreichend. Nicht grundlos dürfen im Zweiten Staatsexamen Kommentare bei der Bearbeitung der Klausuren verwendet werden.

Im Ergebnis kommen wir JuristInnen mit dem Gesetzestext allein ungefähr so weit, wie die NaturwissenschaftlerInnen mit dem angedruckten Periodensystem.

2. Jura ist furchtbar trocken

Wohl DIE Aussage über das Jurastudium ist, dass es super trocken ist. Ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht so genau, was damit eigentlich gemeint ist. Bezieht man es darauf, dass man viel Theorie und (vermeintlich) abstrakte Streitstände lernt, so mag das wohl sein. Doch die Streitstände sind typischerweise der Praxis entsprungen oder ihr zumindest angelehnt, weil sie im Rahmen eines realen Sachverhaltes aufgetaucht sind. Auch steht durch die Bearbeitung von Fällen und der Erstellung von Gutachten als Prüfungsleistungen stetig die Anwendung der Gesetze und des juristischen Handwerkzeugs im Vordergrund. 

Die Vermittlung von theoretischem Wissen steht zwar im Mittelpunkt des Studiums. Den Vorwurf es sei so „trocken“, könnte man dann wohl jedoch an jedes beliebige Studienfach richten, da dies charakteristisch für das Studieren an sich ist. Der großen Unterschied zum Jurastudium könnte jedoch in der Masse an Stoff liegen, die man im Laufe des Jurastudiums zu bewältigen hat.

3. Nur mit Prädikatsexamen kann man Karriere machen

Auch der Mythos, dass man nur mit einem Prädikat, d.h. mindestens 9 Punkten im Examen, Karriere machen kann, hält sich wacker. Die Durchschnittsergebnisse beider Examina zeigen aber deutlich, dass das in der Praxis faktisch nicht (mehr) so ist. Und auch der stetige „Juristenmangel“ – durch Pensionierungswellen und demographischen Wandel – tut sein übriges dafür, dass man „auch“ mit einem Examen unterhalb des Prädikats eine breite Auswahl auf dem Arbeitsmarkt und damit zur beruflichen Selbstverwirklichung hat. Die Aussage, dass man entweder Taxifahrer oder reich wird, ist tatsächlich nur ein Mythos. Dies dürfte hoffentlich dem ein oder anderen den Druck hinsichtlich der Examensnote etwas nehmen.

4. Jurastudierende sind EinzelkämpferInnen

Irgendwann im Studienverlauf hört man davon, dass Hausarbeiten geklaut, Zeitschriften versteckt oder Seiten herausgerissen werden. Wie viel da tatsächlich dran ist oder ob es zu großen Teilen nur Urban Legends sind, lässt sich schwer sagen. Jedoch bilden sich schon früh im Studium Freundschaften oder auch Lerngruppen. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass wenn man die für sich „richtigen“ KommilitonInnen gefunden hat, man sich gegenseitig unterstützt und motiviert. Sicherlich mag es den ein oder anderen Studierenden geben, der egozentrisch sein mag, doch auch das ist kein Alleinstellungsmerkmal für JuristInnen.

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5. Man muss ein einser Abi haben

Auch die Vorstellung, dass man extrem intelligent sein oder ein einser Abischnitt haben muss, um das Examen zu bestehen, hält sich beständig.

Wer diesen Schnitt erreicht hat, hat zwar bereits in der Schule gezeigt, dass er oder sie diszipliniert viele Themenbereiche erarbeiten kann. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass das ein Garant oder gar die Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Jurastudium ist. Jura ist ein Marathon, bei dem man sich über Jahre stetig bereit gefächertes Wissen aneignet. Dafür braucht es vor allem Durchhaltevermögen und hohe intrinsische Motivation. Auch ein Schüler, der sein Abi mit einer Null-Bock-Einstellung bestanden hat und dann aber seine Leidenschaft für Jura entdeckt, wird das Studium (besser) meistern können, als ein/e AbiturientIn mit einem Schnitt von 1,0.

6. Mut zur Lücke

Allein die im Studium und Examen vorausgesetzte Stoffmenge sorgt dafür, dass es faktisch unmöglich ist, alles im Detail zu beherrschen. Folglich ist es unverzichtbar, schon früh den Stoff zu priorisieren und herauszufinden, was „relevant“ ist. „Mut zur Lücke“ als Motto im Studium ist daher meiner Ansicht nach Interpretationssache. Versteht man es so, dass man sich Themen gar nicht anschaut, kann man damit ziemlich auf die Nase fallen. Beherzigt man es jedoch, indem man nicht allzu streng mit sich selbst ins Gericht geht und es als in der Natur der Sache liegend ansieht, dass man nicht alles gleich gut können kann, kann es ein gesunder Weg sein, mit den Erwartungen und dem Druck, den das Studium mit sich bringt, umzugehen.

Fazit

Über das Jurastudium existieren weit mehr, als die hier angesprochenen Mythen. Doch wirklich viel, scheint an diesen nicht dran zu sein. Jeder kann im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst entscheiden, wie er sich das Studium gestaltet, und damit auch, wieweit eines dieser Mythen auf ihn oder sie und sein oder ihr Studium zutrifft.

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Wie geht Jura? – Alles, was NichtjuristInnen über das Studium wissen müssen

Wer beginnt Jura zu studieren, taucht ein in eine neue Welt voller Begriffe und Eigenheiten, die für Nicht-Juristen teils nicht ohne Weiteres zugänglich bzw. verständlich sind.

Damit du bei der nächsten Familienfeier nicht zum zehnten Mal auf die Frage „Wie, du studierst immer noch?“ reagieren musst, gibt es hier einen kleinen Crashkurs zum Jurastudium – speziell für alle, die sich selbst als „Nicht-Juristen“ bezeichnen.

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Wie ist das Studium aufgebaut?

Die Basics zu Beginn: Das Studium ist nach Regelstudienzeit auf 10 Semester ausgelegt, d.h. im 10. Semester schreibt man den staatlichen Teil des Examens und hat die mündliche Prüfung. Das erste Examen selbst besteht aus zwei Teilen:

1. Staatlicher Teil (je nach Bundesland bestehend aus 6 Klausuren und eine mündliche Prüfung)

2. Universitärer Teil (je nach Bundesland bestehend aus Studienarbeit, Verteidigung, Schwerpunktsklausur)

Die ersten 3.-4. Semester sind das sog. Grundlagenstudium, wo – wie der Name schon sagt – rechtliche Grundlagen in allen drei Rechtsgebieten (Öffentliches Recht, Strafrecht und Zivilrecht) beigebracht werden. Die Phase schließt mit der sog. Zwischenprüfung ab.

Daran schließt sich das Hauptstudium an, was in der Regel vom 4.-7. Semester geht. Hier wird auf die Grundlagen aufgebaut, Wissen verknüpft und die letzten Prüfungen geschrieben, bevor es dann im Examen richtig ernst wird. Nach der Phase ist man dann „scheinfrei“, d.h. man hat alle Prüfungen geschrieben und bestanden, die man zur Zulassung für das erste Examen braucht.

Zudem wird in der Phase überwiegend der Schwerpunkt absolviert, welcher je nach Bundesland zu ca. 30% in die Examensnote mit einfließt.

Die dritte Phase ist die Examensvorbereitung, die üblicherweise mindestens zwei Semester betragen sollte. Hier wird sich intensiv mit dem gesamten Stoff der Studienzeit und darüber hinaus auseinander gesetzt und Wissen weiter verknüpft. Die Phase endet mit den schriftlichen und der mündlichen Prüfung des staatlichen Teils des Examens.

Allein diese sehr grobe Umschreibung zeigt schon den Arbeitsaufwand, den das Studium mit sich bringt, deutlich auf, weshalb es nicht verwundert, dass der wohl größere Teil der Studierenden mehr als 10. Semester bis zum Abschluss brauchen.

Wichtige Begriffe und Besonderheiten

  • Gutachtenstil

Vor allem zu Beginn des Studiums wird man von allen Seiten mit dem sog. Gutachtenstil bombardiert.

Das liegt zum einen daran, dass es das 1×1 der juristischen Methodik (zumindest während des Studiums) ist und zum anderen daran, dass es zunächst ungewohnt ist, diesen Stil zu verwenden.

Nach dem Gutachtenstil werden die Lösungen (Gutachten) rechtlicher Sachverhalte dargestellt. Er besteht aus vier Schritten:

  1. Obersatz
  2. Definition
  3. Subsumtion
  4. Ergebnis

Der Obersatz wirft auf, was geprüft wird. Die Definition setzt die Maßstab, wonach beurteilt wird, ob das zu Prüfende vorliegt. Bei der Subsumtion wird geschaut, ob der konkrete rechtliche Sachverhalt unter die Definition fällt. Zuletzt wird ein Ergebnis gezogen.

Der Gutachtenstil dient folglich dazu, ein Ergebnis nicht nur festzustellen, sondern durch begründete Herleitung zu ermitteln. Er ermöglicht so eine intensivere, unvoreingenommenere Auseinandersetzung mit dem Sachverhalt.

  • „Es kommt darauf an“

So ziemlich jede/r JuristIn hat den Ausdruck „es kommt darauf an“ schon mal genutzt. Er ist wohl einer der bekanntesten Sprüche und trifft den Nagel so ziemlich auf den Kopf, wenn man die Art des Fälle Lösens in einem Satz beschreiben müsste. Gemeint ist damit, dass trotz abstrakter Regelungen in Form von z.B. Gesetzen jeder Sachverhalt individuell zu betrachten ist und deshalb häufig keine generelle Antwort möglich ist. Wie zu entscheiden ist, kommt mithin darauf an, welche Besonderheiten jeder einzelne Fall mit sich bringt.

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  • „Zwei JuristInnen, drei Meinungen“

Auch den Spruch „zwei Jurist:innen, drei Meinungen“ hört man öfter und er verdeutlicht ganz schön, dass es nicht die eine Lösung gibt, sondern je nach vertretener Ansicht mehrere gangbare Wege einen rechtlichen Sachverhalt zu entscheiden. Im Studium passiert dies häufig im Rahmen sog. Streitstände innerhalb der Falllösung. Streitstände haben sich teils über lange Zeit etabliert und dabei stehen sich typischerweise Vertreter aus der Literatur (d.h. z.B. der Wissenschaft) und solche aus der Rechtsprechung (d.h. Gerichten) mit verschiedenen Lösungsansätzen, die sie für den vorzugswürdigeren Weg halten, gegenüber. Die Aufgabe des Studierenden ist es dann, sich mithilfe von Argumentation und Auslegung begründet für einen (bestehenden oder selbst entwickelten) Lösungsansatz zu entscheiden.

  • Prädikatsexamen

Das Prädikatsexamen gilt quasi als der heilige Gral des Jurastudiums, den sich (fast) jeder Jurastudierende wünscht. Schaffen tuen es im Bundesdurchschnitt jedoch nur knapp 20-30% der AbsolventInnen.

Was genau das Prädikatsexamen nun eigentlich ist, lässt sich nur beantworten, wenn man sich zunächst die Notenskala des Jurastudiums anschauen. Ähnlich wie in der gymnasialen Oberstufe gibt es Punkte, doch statt „nur“ 15 Punkten gibt es bei Jura maximal 18 Punkte, weil es zwischen befriedigend (Schulnote 3) und gut (2) einen weiterer Einschub mit „vollbefriedigend“ gibt. Und genau in diesem vollbefriedigend (9-11,49 Punkte) beginnt das Prädikatsexamen. (Nicht zu verwechseln mit dem Prädikat nur einer Klausur, welches erst ab 10 Punkten beginnt).

Ein Prädikatsexamen hat man erreicht, wenn man im Gesamtschnitt (d.h. staatlicher und universitärer Teil) insgesamt auf mindestens 9 Punkte kommt.

  • Kleiner und großer Schein

Die kleinen Scheine werden im Grundstudium geschrieben, die großen dann im Hauptstudium. Letztere sind aber vom Prinzip gleich aufgebaut. Der Studienaufbau ist jedoch von Uni zu Uni verschieden, sodass es auch sein kann, dass stattdessen Semesterendklausuren geschrieben werden und das System mit den Scheinen nicht existiert.

In jedem Rechtsgebiet (Öffentliches Recht, Strafrecht und Zivilrecht) muss ein kleiner Schein erreicht werden.

Diese bestehen auch wieder von Uni zu Uni unterschiedlich typischerweise aus einer Klausur und einer Hausarbeit. Bei diesen Prüfungsleistungen wird dann das Wissen aus mehreren Vorlesungen und Semestern gemeinschaftlich abgeprüft.

Besteht man sowohl Klausur als auch Hausarbeit, bekommt man einen Zettel ausgestellt, auf welchem das Bestehen bescheinigt wird – dem sog. kleinen oder großen Schein.

Begriffe aus dem Uni-Kosmos

  • FSR

FSR steht für Fachschaftsrat und ist eine gewählte studentische Vertretung eines bestimmten Studiengangs/-fachs (Fachschaft). Der FSR organisiert u.a. die Erstiwoche, sowie Veranstaltungen während der Semester, sammelt typischerweise Altklausuren oder dient als Anlaufstelle der Studierenden für Fragen aller Art.

  • AStA

Der AStA, d.h. der Allgemeine Studierendenausschuss und ist die Interessenvertretung aller Studierenden einer Hochschule. Im Unterschied zum FSR also nicht nur einer Fachschaft. Dabei vertritt der AStA die Interessen der Studierenden gegenüber der Hochschulleitung und Öffentlichkeit und setzt die Beschlüsse des Studierendenparlaments um. Zum ist er die zentrale Anlaufstelle aller Studierenden für Probleme im Zusammenhang mit dem Studium.

Jura erklärt man nicht in wenigen Sätzen – aber vielleicht hilft dieser kleine Einblick, das Studium beim nächsten Familientreffen etwas verständlicher zu machen.

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Motivationstief? 6 Tipps wieder Spaß am Lernen im Jurastudium zu finden

Kennst du das: Du startest motiviert in ein neues Semester, hast viele gute Vorsätze und plötzlich beginnt die Klausurenphase – und nichts geht mehr. Du kannst dich nicht konzentrieren und auch die Lust, ein bestimmtes Rechtsgebiet zu lernen, bleibt aus. Das muss nicht so bleiben! In diesem Beitrag hat unsere Autorin Carla 6 Tipps für dich, wieder mehr Spaß am Lernen zu finden.

1. Entwickle eine gute Strategie

Zunächst ist es hilfreich, dass du dir eine Strategie überlegst. Plane nicht nur, was du lernst, sondern auch, wie du lernst – vielleicht sogar heruntergebrochen auf jeden einzelnen Lerntag. Am besten beginnst du mit einer Übersicht über dein Klausurthema. Als Anhaltspunkt können Fallbücher helfen, aber auch Vorlesungsskripte und zB. Mindmaps wie diese von Juralib.*

Sobald du eine Übersicht hast, überlege dir eine Strategie, wie du dir den Stoff aneignen willst. Erfahrungsgemäß eignet sich eine Mischung aus verschiedenen Lernmethoden. Du könntest zB. Fälle lösen, einzelne Streitstände in Lehrbüchern oder Zeitschriften nachlesen und besonders wichtige Themen mit Karteikarten wiederholen.

Wenn du eine Strategie entwickelt hast, heißt es: Routinen festlegen. Es hilft ungemein, nicht jeden Tag aufs neue zu überlegen, was du wann lernst. Überlege dir einen täglichen Ablauf, der dich zwar fordert aber machbar ist. Du könntest zB. morgens eine halbe Stunde Karteikarten lernen, mittags zwei kleine Fälle lösen und im Anschluss einzelne Themen mittels Lehrbuch oder Podcast vertiefen. Wichtig ist nur, dass du dir realistische Ziele setzt. Nichts ist demotivierender, als ein viel zu langer Lernplan, der schon ab dem ersten Tag nicht umgesetzt werden kann.

2. Tausche langweilige Routinen aus

Fühlst du dich festgefahren? Oder gelangweilt? Wenn jeder deiner Lerntage gleich aussieht und dir das die Motivation raubt, bringe ein bisschen Abwechslung in deinen Alltag.

Wie wäre es, statt zu Hause mal in der Bibliothek zu lernen – oder umgekehrt? Vielleicht kannst du vor deinem Lerntag morgens einen kleinen Spaziergang einplanen, um einen klaren Kopf zu bekommen? Oder dir am Abend davor ein leckeres Mittagessen vorbereiten? Du könntest auch deine Lernzeiten umstellen – vielleicht hilft es ja, ein bisschen früher oder sogar später anzufangen. Dabei ist es gar nicht wichtig, deinen ganzen Lerntag auf den Kopf zu Stellen. Kleine, gezielte Veränderungen machen deinen Tagesablauf wieder spannender und helfen so, wieder mehr Freude im Alltag zu haben.

3. Kleine Erfolge feiern

Um die Motivation nicht zu verlieren, ist es wichtig, sich regelmäßig seine kleinen Erfolge vor Augen zu führen – und sich auch zu belohnen. Gönn dir zB. nach einem anstrengenden Lerntag einen gemütlichen Abend mit FreundInnen oder ein langes Bad. Wichtig ist, nicht nur die Meilensteine, wie die bestandene Klausur, zu feiern. Auch kleine Erfolge, wie die Lösung eines besonders kniffligen Falls, die kurze Lernsession trotz fehlender Motivation oder der gelernte Karteikartenstapel, verdienen Anerkennung. Du könntest dir auch täglich drei kleine Etappenziele setzen, die du als Erfolg anerkennst. So hast du bildlich vor Augen, was du geschafft hast.

4. Geteiltes Leid,…

Das Jurastudium gilt oft als Einzelkampf – das muss es aber gar nicht sein. Es hilft ungemein, sich mit anderen auszutauschen: ob über leidige Erfahrungen, Lerntipps oder fachliche Inhalte. Ganz egal, ob du eine Lerngruppe gründest oder nur mal einen kurzen Plausch mit anderen Studierenden hältst, es lohnt sich immer, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Schnell wirst du merken, dass alle Studierenden vor ähnlichen Problemen stehen. Diese nicht alleine lösen zu müssen, nimmt eine unglaubliche Last von den Schultern.

5. Mach mal Pause!

Häufig ist der Grund für deine fehlende Motivation nicht, dass du zu wenig machst, sondern zu viel. Das menschliche Gehirn ist nicht in der Lage, sich dauerhaft zu konzentrieren und neue Inhalte aufzunehmen. Wenn du merkst, dass du dich tagelang nicht konzentrieren kannst, brauchst du vielleicht einfach eine Lernpause.

Ähnlich, wie Sportler wöchentlich ein oder mehrere Restdays benötigen, braucht auch dein Gehirn regelmäßig Pausen. Klappe also deine Bücher zu und beschäftige dich bewusst ein oder mehrere Tage nicht mit Jura. Schiebe dein schlechtes Gewissen beiseite – du kannst früh genug wieder mit einem frischem und erholten Geist mit dem Lernen anfangen.

6. Mach es dir gemütlich

Zwischen all den Erwartungen an uns selbst, unsere Leistungen und unsere Produktivität, kann der Sinn Ästhetik gerne mal auf der Strecke bleiben. Aber warum eigentlich?

Es lernt sich doch viel besser, wenn es um dich herum sauber und gemütlich ist. Wenn du zu Hause lernst, nimm dir Zeit, deinen Schreibtisch aufzuräumen, zünde dir eine Kerze an und bereite dir einen Tee oder Kaffee zu. Wenn du in der Bibliothek lernst, höre vielleicht ein gemütliches Study-Asmr über Kopfhörer. Das alles hilft dabei, Lernen mit Gemütlichkeit zu verknüpfen und die Hemmschwelle, Zeit am Schreibtisch zu verbringen zu senken.

Was sind deine besten Tipps für Lernmotivation? Teile sie gerne hier mit uns oder auf Instagram @goldwaage.jura.

*Dies ist eine unbeauftragte und unbezahlte Empfehlung. Ich bin lediglich seit meiner Exaensvorbereitung großer Fan der Website.

Perfekt strukturiert: Diese Verhaltensweisen erleichtern deine ersten Tage im neuen Job

Unser Autor Robert hat vor kurzem seinen Berufseinstieg vollbracht und festgestellt: Die mühsam erlernte Theorie aus dem Jurastudium hat mit wichtigen praktischen Fragen als JuristIn oft gar nichts zu tun. In diesem Beitrag gibt er deshalb Tipps, damit du für den ersten Realitätscheck in der Arbeitswelt gewappnet bist.

Die juristische Ausbildung ist in Deutschland eine faszinierende Sache. Wir wälzen jahrhundertealte Streitstände, sezieren Normen wie ChirurgInnen mit Telos und Historie und entwickeln dabei ein Feingefühl dafür, auf welchem Subsumtionsschritt ein Argument gerade passt. Was wir dabei oft nicht lernen? Wie man organisiert. Wie man in Teams kommuniziert (jenseits der gemeinsamen Lösung der Hausarbeit in der Lerngruppe). Und vor allem: wie man durch einen Fall als Prozess nicht nur juristisch, sondern operativ steuert.

Der Realitätsschock kommt meistens im Berufseinstieg. Zumindest bei fähigen Ausbildern kommen im Referendariat die Fälle und Aufgaben noch eher dosiert und mehr oder minder deinem Ausbildungsstand angepasst. An einem festen Arbeitsplatz (egal ob Kanzlei, Dezernat oder Lehrstuhl), an dem du letztlich für deine Leistung bezahlt wirst, geht es weniger um deine fachliche Entwicklung, sondern um Ergebnisse. Plötzlich dreht sich nicht mehr alles um ein perfekt ausformuliertes Gutachten, sondern um E-Mails, die sofort beantwortet werden wollen, Mandanten, die ungeplant anrufen und dich aus dem Flow bringen und Teams, die parallel auf Ergebnisse warten. Sehr schnell wird klar: Jura ist nicht nur Rechtswissenschaft. Es ist auch Projektmanagement in Robe.

Fälle sind Projekte. Punkt.

Kaum jemand sagt dir das als Neuling, aber jedes Mandat und jede Akte ist ein Projekt. Es hat ein Ziel, ein Ergebnis, Fristen, Beteiligte, Risiken – und jemanden (oder besser ein Team), der oder das dafür verantwortlich ist, dass alles zu einem Abschluss kommt. Das bist früher oder später in verschiedenen Rollen du.

Doch während andere Branchen Projektmanagement in Seminaren erklären oder allein darauf zugeschnittene Managerrollen haben, neigen Kanzleien oft zur Annahme, dass man „da schon reinwächst“. Das stimmt theoretisch und tatsächlich ist mit dem Referendariat und der Examensvorbereitung eine Lernkurve dahingehend angelegt. Praktisch kostet es aber bereits im Studium viele Abende, Nerven und manchmal auch eine Portion Selbstzweifel, bis man merkt: Struktur ist kein Luxus, sondern eine Überlebensstrategie.

Wer seinen Arbeitsprozess strukturiert, hält das Steuer selbst in der Hand. Auch dann, wenn es mal wackelig wird. Ehrlich muss man aber auch sagen, dass der juristische Alltag nicht immer planbar ist und die Prozessordnungen und nicht der eigene Kalender viele Fristen für uns setzt.

Scope: Was genau soll geliefert werden?

Eine der wichtigsten Fragen zu Beginn eines Mandats ist erstaunlich einfach – und wird doch selten gestellt:

„Was genau soll ich eigentlich abgeben?“

Jurist:innen neigen dazu, tief zu gehen – manchmal tiefer, als es der Mandant jemals wollte oder bezahlen möchte. Projektmanagement heißt daher zunächst: Auftragsklärung.
Ist ein kurzes Fazit gewünscht oder eine wissenschaftliche Analyse? Soll die Antwort in Bullet Points per Mail kommen oder als ausformulierter Aktenvermerk? Wer liest es – Partner, juristischer Laie oder die Geschäftsstelle?

Zehn Minuten Klärung am Anfang sparen zehn Stunden Nacharbeit am Ende. Insbesondere diese Fähigkeit erlernt man jedoch im Referendariat. Hier ist man neben dem Gutachten das erste mal mit verschiedenen Aufgabenstellungen à la „Anklage mit A- und B-Gutachten, Ermittlungsvermerk oder nur einer kurzen Zusammenfassung für die mündliche Verhandlung“ konfrontiert. Entsprechend sollte man sich die Nachfrage bei Übergabe der Akte unbedingt beibehalten.

Zeitplanung mit echtem Puffer

Die schönste Struktur hilft nichts ohne realistische Zeitplanung. Es gilt: Alles dauert länger, als man denkt, und Dringendes kommt immer dazwischen. Und wenn wir ehrlich sind, macht der spontane Kontakt mit anderen Prozessparteien den juristischen Beruf doch gerade spannender als die meisten anderen Bürojobs. Daher: Puffer einplanen, und Deadlines Dritter nicht blind akzeptieren, sondern aktiv besprechen und im Sinne deines Zeitrahmens nachverhandeln.

Sätze wie „Schaffe ich bis zum Mittag“ klingen erst mal gut, sind aber selten nachhaltig, wenn du den Fall noch gar nicht durchdrungen hast. Professioneller – und am Ende vertrauensbildender – ist ein klares Erwartungsmanagement:

„Mittwoch 10 Uhr sollte für mich klappen. Ich melde mich aber, sollte etwas Dringendes dazwischenkommen.“

Das ist kein Aufgeben, sondern Priorisierung und das Rechnen mit dem Unberechenbaren. Eine solche Kommunikation ist natürlich nur notwendig, wenn noch kein entsprechendes allgemeines Verständnis im Team besteht.

Auch gegenüber Mandanten ist es wichtig, realistische Einschätzungen des mit dem Einsatz von Zeit und Mitteln möglichen Ergebnissen zu liefern. Denn letztlich braucht es solche Transparenz auf allen Seiten, um die jeweils besten Entscheidungen treffen zu können und letztlich auf allen Seiten Zufriedenheit zu erreichen.

Ressourcen nutzen: Eine Frage des Systems

Delegation ist nicht nur Chefsache. Schon als WissMit lässt sich systematisch arbeiten und so der Aufwand reduzieren: früh Muster einholen, auf bestehende Dokumente zugreifen, Aufgaben ggf. auch die Geschäftsstelle weitergeben und Rückfragen einkalkulieren. Zudem ist es hilfreich, auch Zwischenstände mit dem Team zu teilen, damit niemand Fragen muss, wer eigentlich gerade welchen Stand der Akte hat oder schlimmstenfalls die gleiche Arbeit doppelt gemacht wird.

Anders gesagt: Projektmanagement bedeutet nicht, alles selbst zu können oder zu machen, sondern zu koordinieren.

Dazu gehört auch, anderen den Erfolg zu ermöglichen. Gute AnwältInnen führen – auch ohne Titel.

Tools und Programme

Wer denkt, Projektmanagement setze spezielle Software voraus, kann beruhigt sein. Vieles beginnt mit einfachen Dingen:

  • Kalender konsequent blocken und mit dem Team teilen
  • Strukturierte Ordner und Dokumentenversionen pflegen
  • Kurze regelmäßige Status-Notizen führen oder Teambesprechungen abhalten
  • OneNote/Teams/Notion für internes Wissens- und Aufgabenmanagement nutzen (über letzteres organisieren wir auch die Goldwaage)

Da du in Kanzleien eher keinen Einfluss auf die verwendete Software hast, läuft es in aller Regel auf eine gute Kenntnis von MS Outlook und Teams hinaus.

Besprechungen, gerade in Person, haben zudem den Vorteil, dass du zwischenmenschliches Vertrauen mit deinem Team aufbaust und gleichzeitig erkennt, wie die Belastung aktuell verteilt ist. So kannst du verlässlicher einschätzen, wen du im Hilfe fragen könntest und wer vielleicht gerade gern ein Projekt abgeben würde. Denn solches Vertrauen ist die Grundlage guter Zusammenarbeit.

Projektmanagement schützt vor Überlastung

Das Spannende ist: Wer Projekte gut steuert, schützt nicht nur Mandanteninteressen, sondern auch die eigene Gesundheit.

Projektmanagement setzt Grenzen: Was muss heute wirklich fertig sein? Was kann morgen erledigt werden? Was wird delegiert? Und wann ist Feierabend?

Diese Fragen klingen banal. Sie sind aber die Grundlage beruflicher Langlebigkeit, weil mit gutem Gewissen Abschalten können einfach wichtig für die Psyche ist.

Man könnte also sagen:
Projektmanagement ist die Kunst, nicht nur Recht zu haben – sondern rechtzeitig fertig zu werden.

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So gehst du deinen eigenen Weg im (und nach) dem Jurastudium (Teil I)

Teil 1: Von der Kunst, Ratschläge zu ignorieren

In dieser Mini-Serie geht unsere Autorin Carla der Frage auf den Grund, wie du es schaffst, erfolgreich in Studium und Beruf zu sein – und dabei einem Weg zu folgen, der zu dir und deinen Wünschen passt.

Vor kurzem stieß ich auf Instagram auf ein Reel. In einem unverkennbaren österreichischen Dialekt sag darin eine junge Frau:

“Du kurze Frage – vielleicht eine radikale Idee. Aber wie wäre es, wenn du es einfach mal so machst, wie du es machen würdest.”

Aus irgendeinem Grund (und vielleicht auch, weil meine Lieblingssängerin Verifiziert den Ausschnitt in einem ihrer Songs verarbeitete) hallt dieser Satz seit Wochen in meinem Kopf nach.

Einfach mal etwas so machen, wie du es machen würdest – das klingt im Kontext mit dem juristischen Studium und der juristischen Laufbahn fast schon ironisch. Schließlich folgen nicht nur Studium und Referendariat strengen Regeln, auch im klassischen juristischen Arbeitsalltag gibt es eine (teilweise wirklich strenge) Etikette.

Ich bin dennoch der Meinung, dass es hilfreich ist, schon früh im Studium auf sein eigenes Bauchgefühl zu vertrauen und den Mut haben, den eigenen Weg zu gehen.

Zu viele gut gemeinte Ratschläge

Wer ein Jurastudium beginnt, kann sich in der Regel vor mehr oder weniger gut gemeinten Ratschlägen kaum retten. Neben fragwürdigen Lerntipps von Studis, die nur wenige Monate länger Studieren als du (”Vorlesungen brauchst du nicht!”) oder sexistisch Anmutenden Bemerkungen von entfernten Verwandten auf Familienfeiern (”Als Frau kannst du ja dann nur Richterin werden – wegen der Kinder!”) kriegst du Empfehlungen von Eltern, ProfessorInnen und so ziemlich jeder Person, die irgendwann mal etwas über das Jurastudium gelesen hat, zu hören.

Kaum beginnt die Examensvorbereitung hörst du von dutzenden RepetitorInnen und AbsolventInnen Tipps und Herangehensweisen – blöd nur, dass diese sich häufig widersprechen. Mir wurde beispielsweise von einem Professor geraten, mindestens zwei Jahre für die Examensvorbereitung einzuplanen, während mein Repetitor meinte, mehr als ein Jahr Vorbereitung sei schon zu viel.

Leider hören die Ratschläge auch nach dem Studium nicht auf – eher im Gegenteil. Zum perfekten Zeitpunkt, dem Standort, den Stationen fürs Referendariat gibt es ebenfalls eine Menge ungefragter Tipps.Bei der Menge an verschiedenen Ratschlägen und Lebensweisheiten kann man, vor allem in stressigen Lebenssituationen, gerne Mal die Orientierung verlieren.

Genau hier kommt das “Es einfach genau so machen, wie du es machen würdest” in Spiel.

Das gute Gefühl nach einer getroffenen Entscheidung

Das Gefühl der Sicherheit, das du bekommst, wenn du eine Entscheidung triffst und dich danach richtest, ist unbezahlbar.

Hier ein kleines Beispiel: In meiner Examensvorbereitung entwickelte ich eine Lernroutine. Morgens, bevor ich wirklich mit dem Lernen begann, wiederholte ich eine halbe Stunde Karteikarten. Meistens noch im Schlafanzug im Bett und mit einem Kaffee in der Hand. Meine KommilitonInnen fanden das abwechselnd nachvollziehbar, übertrieben oder einfach für sich selbst unpassend. Ich wusste jedoch, dass es mir ein sicheres Gefühl und vor allem eine verlässliche Routine gab, den Tag immer gleich zu beginnen – ganz egal, was andere dachten.

Genauso legte ich irgendwann für mich fest, in welchen Rhythmus ich Probeklausuren schrieb, wie lange ich mich aufs Examen vorbereiten wollte, wie ich das Repetitorium nachbearbeitete, was ich in der Zeit nach dem Examen machte und und und. Das führte letztlich dazu, dass ich mein Examen bestand, mit meiner Leistung zufrieden war und vor allem nicht hinhören musste, wenn mir mal wieder ein/e KommilitonIn ungefragt einen “entscheidenden” Lerntipp gab.

Natürlich solltest du die Ratschläge anderer nicht gänzlich ausblenden. Gerade Menschen, die dich besonders gut kennen, oder aber sich in Jura-/Karrierefragen besonders auskennen, haben oft Ideen, die es sich anzuhören lohnt. Allerdings zeichnen sich gute Ratschläge durch mehrere Faktoren aus. Zum einen stellen sie keinen Anspruch auf Absolutheit (”Jeder Studierende muss 100 Probeklausuren vor dem Examen schreiben”). Zum anderen stützen sie sich auf Tatsachen oder Erfahrungswerte der ratgebenden Person – nicht bloß auf ein Bauchgefühl deines Gegenübers.

Aber woher weißt du, wie du gute Entscheidungen triffst und deinen Weg findest? Genau darum geht es im zweiten Teil der Serie. Dieser erscheint in der kommenden Woche – genau an dieser Stelle.

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Dein erstes Semester im Jurastudium – ein virtueller Erstibeutel

Du hast deine Erstiwoche hinter dir? Hast Begriffe wie Anfängerübung, Freischuss, Moot-Court und Kolloquium zum allerersten Mal gehört? Du hast einen Berg an neuen Eindrücken, Stickern, Flyern und Goodies aus sämtlichen Erstibeuteln gesammelt, bist aber eigentlich noch völlig orientierungslos?

Dann bist du hier genau richtig, unsere Autorin Sophia nimmt dich mit diesem virtuellen Erstibeutel an die Hand. Hier findest du mit Links zu allen wichtigen Beiträgen rund um das erste Semester im Jurastudium die nötige Orientierung.

Zwischen Erwartungen und Realität

In Zeiten von Social Media und einer Vielzahl an sogenannten Study Accounts hast du dir bestimmt bereits vor der Einschreibung für den Studiengang dein ganz eigenes Bild vom Jurastudium gemacht.

Sicherlich hast du schon die Frage gestellt bekommen, warum denn eigentlich so etwas trockenes wie Jura? Das Jurastudium mag voller Klischees sein – Gesetze auswendig lernen, hochnäsige AnzugträgerInnen und hohe Durchfallquoten. Was da aber wirklich dran ist, gilt es von nun an für dich ganz persönlich herauszufinden.

Auch, wenn dem Studiengang und dessen Studierendenschaft ein gewisser Ruf vorauszueilen scheint, gibt es ebensoviele Gründe, die das Studium besonders liebenswert machen. Am Ende ist es eine Frage des Mindsets und was du daraus machst.

Sieh das erste Semester als Chance

Es ist völlig normal, nicht bereits im ersten Semester alles bis hin zum ersten Examen durchgeplant zu haben. Ich selbst habe mich, wenn ich an die Zeit zurück denke, bestimmt bis zum 5. Semester von Semester zu Semester gehangelt, ohne zu wissen, was mich im nächsten halben Jahr erwartet. Und das ist ok.

Du musst nicht jedes Lehrbuch kaufen, das die ProfessorInnen empfehlen. Du musst dich nicht an KommilitonInnen orientieren, die schon die dicken roten Gesetzestexte vor sich liegen haben und du musst nicht deine gesamte Freizeit für dieses Studium opfern (kleiner Tipp: solltest du übrigens während des gesamten Studiums nicht 😉).

Sieh das erste Semester in erster Linie als Chance. Nutze es, um dich zu orientieren. Es ist dazu da, deine Studienstadt (inklusive Nachtleben 🪩) und deine KommilitonInnen kennenzulernen, sowie dir selbst einen groben Überblick zu verschaffen. Im Gegensatz zu anderen Studiengängen erfordert das erste Semester im Jurastudium nicht bereits einen derart hohen Arbeitsaufwand, dass all das auf der Strecke bleiben muss, nutz diese Chance!

Die ersten Prüfungen

Dennoch erwarten dich gegen Ende deines ersten Semesters natürlich auch im Jurastudium deine ersten Klausuren und Hausarbeiten. Was und in welchem Umfang hier geprüft wird, unterscheidet sich von Uni zu Uni. Schau dir hierzu am besten auf der Website deiner Fakultät mal die Musterstudienpläne oder Studienablaufpläne an.

Wie schon gesagt: Das erste Semester ist zu Orientierung da.

Du musst nicht bereits die perfekte Lernmethode für die Anfängerklausur mitbringen. Finde heraus, ob die Vorlesungen dir etwas bringen. Besuche die vorlesungsbegleitenden Arbeitsgemeinschaften, Seminare oder Kolloquien (ist alles das Gleiche, heißt nur überall anders 😁) und verzweifle nicht, wenn es mit dem Gutachtenstil nicht direkt klappt. Glaub mir, es kommt alles mit der Zeit (learning bei doing und von Semester zu Semester hangeln).

Das erste Semester ist schneller rum als du denkst, also genieß es! Denn ich weiß nicht, ob es dir schon jemand gesagt hat: Semesterferien bedeuten im Jurastudium nicht drei Monate Urlaub. Semesterferienzeit ist Hausarbeitenzeit. Du hast vielleicht in der Schulzeit mal eine wissenschaftliche Arbeit verfassen müssen aber bei einer juristischen Hausarbeit kommen plötzlich ganz neue Fragen auf: Wie gliedere so eine Hausarbeit richtig? Wie spare ich sinnvolle Zeit bei der Formatierung? Und woher nehme ich meine Quellen? Und da man aus den Fehlern anderer am besten lernt, solltest du diese fünf Anfängerfehler auf jeden Fall vermeiden.

Sei also geduldig mit dir selbst, du musst und kannst nicht schon im ersten Semester alles wissen. Was du aber kannst, ist das erste Semester als Chance zu nutzen, um das neue Umfeld, dich selbst und deinen Lerntyp kennenzulernen und einen Grundstein für dein Studium zu legen.

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Gerade VolljuristIn? – So findest du deinen Traumberuf

(Spoiler: Vielleicht gibt es ihn gar nicht.)

Unser Autor Robert ist in diesem Jahr Volljurist geworden. In diesem Beitrag widmet er sich den schwierigen Zukunftsfragen: Wie geht es weiter? Woher weiß ich, welcher Beruf zu mir passt? Und gibt es so etwas wie den Traumberuf wirklich?

Hand aufs Herz: Kaum hat man das zweite Examen bestanden, steht man vor der berüchtigten Gretchenfrage: „Und was machst du jetzt eigentlich?“ Als JuristIn ist die Auswahl an Berufswegen groß – Richterbank, Staatsanwaltschaft, Kanzlei, Unternehmen, Verwaltung, Politik, Wissenschaft. Klingt erstmal nach einem Luxusproblem. In Wirklichkeit ist es aber eher wie bei Netflix: Zu viele Optionen, und man weiß nie, ob man den falschen Film auswählt.

„In Wirklichkeit ist es aber eher wie bei Netflix: Zu viele Optionen, und man weiß nie, ob man den falschen Film auswählt.“

Brauche ich wirklich das zweite Examen?

Im Referendariat reißt schnell die Euphorie nach der ersten juristischen Prüfung ab und man denkt sich: „Ohne zweites Examen kannst du gar nichts machen!“ Ganz so stimmt das natürlich nicht. Aber die meisten klassischen Wege – Richteramt, Staatsanwaltschaft, und generell die Möglichkeit vor Gericht als Prozessvertreter für Mandanten aufzutreten – setzen es voraus. Wer nur das erste Examen hat, findet zwar Nischen (Legal Tech, Compliance, Wissenschaft, NGOs, Verwaltung), muss aber kreativer sein. Für mich war klar: Ich wollte mir die Türen offenhalten und besonders auch später klassisch konfliktlösend tätig werden.

Also habe ich mich durchgebissen. Aber insbesondere außerhalb des klassischen Justizdienstes ist es im öffentlichen Dienst, und teilweise auch auf dem anwaltlichen WissMit-Markt monetär egal, ob ein zweites Examen vorhanden ist. Für die Einstellung auf eine E13-Stelle ist nur ein Masteräquivalent erforderlich. Dieses liegt bereits mit dem ersten Examen vor. Das zweite Examen findet hier eher keine Berücksichtigung. Wer also von vorherein eine eher lehrende oder unterstützende Tätigkeit anstrebt, vergeudet aus wirtschaftlicher Sicht mit dem Referendariat nur Lebenszeit. 

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Justiz: Starre Strukturen – oder sichere Häfen?

Als Berufseinsteiger habe ich die Justiz oft als Synonym für eine klassische Behörde gesehen: feste Regeln, steife, hierarchische Karriereoptionen, immer dieselbe Routine. Mit der Zeit habe ich aber auch gemerkt, wie viele Vorteile das bietet: Klarheit, Sicherheit, geregelte Arbeitszeiten. Wer Familie plant, hat hier oft die besseren Karten. Die formalistische Kultur beginnt hingegen bereits mit der notenfixierten Einstiegshürde. Wenn man diese genommen hat, hat man entgegen der Kanzleiwelt eher wenig Einfluss auf die fachliche Ausrichtung, allenfalls der Rahmen von StA, Fach- oder ordentlicher Gerichtsbarkeit kann sich festgelegt werden. Wer berufliche Selbstverwirklichung wichtig findet, kommt hier vielleicht schnell an einen Punkt des Desinteresses, wobei die Verwaltungen regelmäßig versuchen, Wünsche zu berücksichtigen. Gerüchte wie: „Als junge/r RichterIn am VG macht man doch immer nur Asylsachen“ halten sich aber wohl nicht ganz ohne Grund hartnäckig. 

Wenn man aber abstrakter nur mit dem Ziel der Rechtspflege beginnt, findet man spätestens mit der Ernennung auf Lebenszeit einen Arbeitsplatz, den man ohne wirtschaftliche Ängste mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung gestalten kann. Positiv ist hierzu anzumerken, dass man quasi ab Tag eins als Richter eine Möglichkeit zum eigenverantwortlichen Arbeiten hat, die wohl einzigartig ist. Sowohl in der Arbeitszeiteinteilung, der Möglichkeit zum Homeoffice und der letztlichen Entscheidung des Streits ist man so frei wie wohl kein Associate in Kanzleien. Einziges Manko: Wenn man von Vergleichsverhandlungen absieht, hat man nur wenig Möglichkeit, wirklich gestaltend an Projekten tätig zu werden. 

Abschließend zum Gehalt: Gerade abseits der klassischen (juristischen) Ballungsräume ist eine R1-Besoldung so ziemlich das attraktivste, was man als Einsteiger mitnehmen kann. Berücksichtigt man das erheblich größere Netto im Staatsdienst (und langfristig die sichere und durchaus üppige Pension) kann das Gehalt durchaus mit dem von mittelständischen Kanzleien mithalten, die vermutlich nominell das Gros der AssessorInnen anstellen. Der wirkliche wirtschaftliche Vorteil der freien Wirtschaft dürfte sich hier regelmäßig erst nach mehreren Berufsjahren einstellen, da das Karriereende im Justizdienst regelmäßig mir der ersten Beförderung zu R2 erreicht sein dürfte und dann nur noch Erfahrungsstufen hinzukommen. 

Kanzleiwelt: Vielfalt mit Preisetikett

Die Kanzleiwelt hat mich anfangs fasziniert – die schicken Büros, die spannenden Mandate, das Prestige. Aber natürlich hat das Ganze seinen Preis: Wer in einer internationalen Großkanzlei einsteigt, verkauft einen guten Teil seiner Zeit, oft auch seine Abende und Wochenenden. Gerade als Associate ist man in der Organisation seiner Mandate und deren Art weniger frei. Auf der anderen Seite gibt es kleinere Kanzleien, in denen man schneller Verantwortung übernehmen kann und der Chef nicht fragt, ob man heute wieder um 19 Uhr geht.

Die Vielfalt ist riesig – aber man sollte sich nicht blenden lassen. Ich musste mir irgendwann ehrlich eingestehen: Reizvoll ist das Prestige, aber will ich dafür dauerhaft meine Freizeit opfern? Neben der Mandatsarbeit (den sog. Billable Hours, bzw. der Zeit, die man nach Rechtsanwaltsvergütungsgesetz investieren will, wenn der Stundenlohn noch passen soll) steht für AnwältInnen als „freier Beruf“ ein gutes Pensum an organisatorischen Tätigkeiten auf dem Programm, spätestens wenn man leitende Funktionen in der Kanzlei übernimmt. Auch wollen die Mandate erst mal beschafft werden. Ob das lästig und sozial anstrengend ist, oder man in Abendgarderobe bei Canapés auf Firmenfeiern erst richtig aufblüht ist natürlich höchst individuell. 

Nicht zu vergessen ist auch, dass wie oben erwähnt das Gehalt eine ziemliche Bandbreite darstellt. Von 4000 € in kleinere Kanzleien bis zu den berüchtigten sechsstelligen Jahresgehältern ist alles dabei. Ob man letztere erreicht, hängt letztlich viel an den Noten und der eigenen Leistungsbereitschaft, wenn man die Großkanzlei denn überhaupt anstrebt. Für alle Anwälte gleich sind aber Nebenkosten in Form von Pflichtversicherung, Kammerbeiträgen und beA-Gebühren, die regelmäßig neben den Beiträgen zum Versorgungswerk (der kammereigenen Rentenversicherung) zu entrichten sind und das Einkommen noch einmal mindern können. Bezüglich der oben angesprochenen Rentensicherheit bei Richtern und Beamten sei aber auch hier angemerkt, dass auch das Versorgungswerk regelmäßig mehr im Alter auszahlt als die für unsere Generation eher ungewisse gesetzliche Rente.

Werte, Werte, Werte

Je mehr Gespräche ich geführt habe, Eindrücke im Referendariat sammelte und mir mit Freunden bei einem Glas Wein den Kopf zerbrach, desto klarer wurde mir: Am Ende geht es nicht nur um Titel oder Gehalt, sondern darum, was mir persönlich wichtig ist. Insbesondere zeigte einem jede Station im Ref, dass jedes Berufsbild etwas für sich, aber immer auch seine Mankos hatte. Das Gefühl, dass das Gras anderswo immer grüner ist, wird einen vermutlich nie ganz loslassen, wenn man einmal reflektiert, was man nach der langen juristischen Ausbildung die nächsten 40 Jahre so machen will. 

Ich habe gemerkt: Meine Werte verschieben sich. Was mir direkt nach dem ersten Examen wichtig war (Karriere, Auslandsmandate), hat ein paar Jahre später nicht mehr dieselbe Priorität. Das ist okay. Die berühmte „eine richtige Entscheidung“ gibt es nicht. 

Mein Fazit nach einigen Umwegen

Den „Traumberuf“ gibt es nicht fertig verpackt. Es gibt nur meinen eigenen Mix aus Sicherheit, Freiheit, Geld, Sinn und Nähe zu den Menschen, die mir wichtig sind. Gerade lockt mich die große Stadt, gleichzeitig genieße ich das Landleben sehr und tanke Kraft im Grünen. Und ja, ich habe Jobs ausprobiert, die nicht gepasst haben – aber genau daraus habe ich gelernt. Jura ist kein Sprint, sondern eher ein Marathon.

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Man darf die Richtung unterwegs ändern – und vielleicht ist genau das der eigentliche Traum. Die Bandbreite an juristischen Berufen kann erschlagend wirken. Aber letztlich ist sie für mich der wahre Preis der langen und mühseligen Ausbildung. Wir leben nicht mehr in dem Arbeitsmarkt unserer Eltern mit „dem Job für’s Leben“. Auch wenn Wechsel zwischen Justiz und Anwaltschaft etwas kompliziert sind, unmöglich sind Sie nicht.

Probiert euch aus, wenn sich etwas richtig anfühlt. Wenn es dass nach ein paar Jahren nicht mehr tut, habt den Mut weiterzuziehen. Denn Jura lebt von der Arbeit mit Menschen und Lebenssachverhalten, und die unterschiedlichen Erfahrungen machen euch eher zu besseren JuristInnen. Lebenslanges Lernen ist eine Realität, und jeder gute Arbeitgeber sollte das mittlerweile auch zu schätzen gelernt haben. 

Bist du der Imposter? Das Imposter-Syndrom im Jurastudium

„Bald fliegt auf, dass ich eigentlich gar nichts weiß oder kann“ – Ein Gedanke, den viele Jurastudierende kennen und der auch nach dem absolvierten ersten Staatsexamen nicht unbedingt verschwindet. Unsere Autorin Sophia hat das sogenannte Imposter-Syndrom für euch von ganz verschiedenen Seiten beleuchtet.

Wer ist der Imposter? Diese Frage stellt sich aktuell ganz Tik Tok. Aber worum geht es bei diesem Trend?

Mehrere Personen sitzen in einem Raum und erhalten einen Begriff. Runde für Runde nennt nun jeder einen weiteren Begriff, der thematisch mit Diesem verwandt ist.

Doch Vorsicht – eine Person im Raum ist der sogenannte Imposter. Diese weiß nicht, um welchen Begriff es sich handelt. Sie hat schlichtweg keine Ahnung, muss sich dennoch unauffällig verhalten und anhand der bereits genannten Begriffe, einen eigenen nennen, um nicht von der Gruppe als Imposter enttarnt zu werden. 

Aber was ist ein Imposter eigentlich?

Der Begriff Imposter kommt aus dem Englischen und bedeutet wörtlich übersetzt Hochstapler.

Und was hat das Ganze jetzt mit dem Jurastudium zu tun?

Vielleicht hast du schon mal vom sogenannten Imposter-Syndrom oder auch Hochstapler-Syndrom gehört. Laut den EURES (EURopean Employment Services) handelt es sich hierbei um ein Phänomen, bei welchem sich Betroffene trotz ihres (beruflichen) Erfolgs unzulänglich fühlen und das Gefühl haben, ihren Erfolg nicht zu verdienen bzw. nicht so begabt, wie andere zu sein. 

Nina Chuba setzt sich in ihrem Song „Unsicher“ mit eben diesen Gefühlen des Selbstzweifels und der Orientierungslosigkeit von jungen Erwachsenen auseinander. 

Sie singt:

„Ich greife nach den Sternen und wenn ich’s schaff, dann nenn‘ ich’s Glück.“

Und das beschreibt es ziemlich treffend. 

Betroffene des Imposter-Syndroms glauben, ihren Erfolg dem Zufall zu verdanken zu haben und irgendwann als BetrügerIn entlarvt zu werden. 

Vermutlich hast du derartige Gedanken im Laufe deines Studiums auch schon mindestens einmal gehabt.

Kein Wunder – das Jurastudium hat so einiges zu bieten, was dieses Gefühl fördert: 

Die juristische Notengebung. Ständig „leider nur 3 Punkte“ und keine sichtbare Steigerung, umso größere Freude bei 4 von 18 Punkten und das pure Misstrauen gegenüber der eigenen Leistung, wenn plötzlich einmal die 9 Punkte oder mehr unter der Klausur stehen. „Ist das wirklich meine Klausur oder liegt hier ein Fehler vor?“

Auch die Randbemerkungen der Korrektoren wie „Nein“, „Grob falsch“ oder kurz und knapp „???“, sowie kaum Verbesserungsvorschläge fördern das eigene Selbstvertrauen wohl kaum. Ganz im Gegenteil.

Hinzu kommen das enorm hohe Konkurrenzniveau und der ständige Vergleich mit anderen Jurastudierenden. 

Es ist und bleibt nun einmal so: Noten spielen weiterhin eine wichtige Rolle im Hinblick auf die eigene juristische Zukunft (auch wenn Notenanforderungen, beispielsweise für eine Karriere in der Justiz vielerorts zunehmend immer weiter abgesenkt werden). 

Im Studium werden wir ständig allein anhand unserer Noten mit anderen Studierenden verglichen, ob wir es wollen oder nicht. 

Was kannst du also tun, um dem Imposter-Syndrom entgegenzuwirken?

Sprich mit anderen Jurastudierenden. Schnell wirst du merken, diese Gefühle treten früher oder später bei fast jedem von ihnen einmal auf – unabhängig davon, ob sie konstant „gute“ Noten schreiben oder regelmäßig Rückschläge erleben. 

Feiere deine Erfolge also. Und zwar nicht nur die großen. Du hast endlich das eine Problem durchdrungen? Du hast die Zwischenprüfung geschafft? Du hast das erste Mal eine Klausur im Klausurenkurs für’s Examen mit „knapp 4 Punkten“ bestanden? All das sind deine ganz eigenen Erfolge und nicht etwa nur Glück. 

Auch das Gespräch mit Nicht-Juristen hilft oft. Bewegst du dich zu sehr in der Jura-Bubble verlierst du schnell den Bezug zur Realität vor lauter Leistungsdruck. Da hilft es manchmal, durch Freunde oder Bekannte wieder zurück auf den Boden der Tatsachen gebracht zu werden. (Obwohl diese nicht selten selbst im beruflichen Umfeld vom Imposter-Syndrom betroffen sind).

Was mir Persönlich außerdem sehr hilft, ist ein Jahresrückblick. Ich versetze mich in mein Ich von vor einem Jahr hinein und frage mich: Wo stand ich heute vor einem Jahr und was habe ich seitdem eigentlich alles erreicht? Und ich sage dir, da kommt eine ganze Menge zusammen, die man schnell als selbstverständlich abtut. Das Jahr besteht aber aus vielen kleinen und großen Erfolgen, auf die wir stolz sein sollten. Wenn es dir hilft schreib dir diesen Jahresrückblick zusätzlich auf, damit du dir deine Erfolge bei Bedarf immer wieder in Erinnerung rufen kannst. 

Von uns Jurastudierenden wird viel Können erwartet aber egal in welchem Stadium deines Studiums du auch gerade steckst, ruf dir in Erinnerung: du kannst bereits verdammt viel!

Um mit einem weiteren Song-Zitat aus meiner Motivations-Playlist abzuschließen:

„Glück nie verwechseln mit Können aber dein Können niemals anzweifeln.“ (Kontra K – „Erfolg ist kein Glück“)

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