Hat man sich einmal für eine Promotion entschieden und eine Betreuung gefunden, steht meist schon grob das Rechtsgebiet fest – manchmal sogar eine erste thematische Richtung. Doch wie beginnt man mit der konkreten Themensuche? Und woran erkennt man, ob sich ein Thema für eine Dissertation eignet?
Das Beruhigende ist: Anders als bei einer Seminararbeit steht dir eine erfahrene Betreuungsperson zur Seite. Auch wenn sie sich typischerweise nicht im Detail mit deinem konkreten Thema auskennt, kann sie doch einschätzen, ob sich daraus wissenschaftlicher Mehrwert gewinnen lässt. Ebenso hilft sie dabei, das Themas so zuzuspitzen, dass es weder zu weit ausholt noch am Ende nur Stoff für einen Aufsatz bietet.

Zugänge zur Themensuche
Die Wege zur Themenfindung sind so vielfältig wie die Themen selbst.
Ein klassischer Ansatz ist der Blick in Zeitschriften und Kommentare. Dort finden sich immer wieder Hinweise auf ungelöste Probleme oder offene Meinungsstreitigkeiten. Im zweiten Schritt ist allerdings zu schauen, ob das Thema nicht bereits zur Genüge ausgeschöpft ist, weil der Streit schon seit Jahren oder Jahrzehnten bestehen und eher als „akademischer Natur“ bezeichnet werden könnte.
Hat man im Rahmen von Praktika, beruflicher Tätigkeiten, Ehrenamt etc. Einblicke in die praktische Rechtsanwendung und trifft so auf ein Anwendungsproblem, kann sich aus diesem konkreten Beispiel eine tolle Möglichkeit für die Auseinandersetzung mit einem größeren, dahinterstehenden Problem ergeben.
Auch aus persönlichen Gesprächen mit etwa deiner Betreuungsperson, anderen DoktorandInnen, PraktikerInnen oder FreundInnen können Impulse für das Thema kommen. Oder aber ein Bereich deiner Seminararbeit, auf das du gestoßen warst, ist noch nicht erforscht und bietet sich als Thema an.
Die „füllenswerte Lücke“
Ausgehend von diesen Zugängen stellt sich irgendwann die zentrale Frage: Was soll die Dissertation eigentlich leisten?
Im Idealfall stellt sich eine konkrete übergeordnete Frage, für die man eine Hypothese aufstellen kann und die als Grundlage der Dissertation dient. Und genau hier taucht sie wieder auf: die berühmte „Lücke“, die es zu füllen gilt.
In der Vorstellung soll diese Lücke etwas sein, das wissenschaftlich relevant, noch nicht entdeckt, gedacht oder bearbeitet wurde. Fehlt sie, wirkt das eigene Thema schnell unzureichend.
Doch mit Blick auf unser gewachsenes und gelebtes Rechtssystem, zeigt sich schnell ein anderes Bild. Kaum ein Bereich ist wirklich unbearbeitet. In Aufsätzen, Kommentaren, Sammelwerken , etc. wurde bereits vieles diskutiert, eingeordnet oder zumindest angedeutet. Manche Fragen sind durch Rechtsprechung oder Gesetzgebung längst weiterentwickelt worden.
Die große, offensichtlich offene Lücke, die nur darauf wartet, endlich geschlossen zu werden, ist wohl eher ein Mythos.
Was stattdessen zählt
Was stattdessen erwartet wird, ist oft weniger spektakulär – und gleichzeitig anspruchsvoller: ein Thema aus einer eigenen Perspektive zu betrachten.
Das kann bedeuten, Zusammenhänge neu herzustellen, bekannte Probleme konsequent weiterzudenken oder unterschiedliche Diskussionsstränge miteinander zu verknüpfen. Häufig geht es nicht darum, etwas völlig Neues zu „erfinden“, sondern Bestehendes neu zu durchdringen und in einen anderen Kontext zu stellen.
Gerade in der Phase der Literaturrecherche und bei der Erstellung eines Exposés oder einer Gliederung entsteht dabei oft ein unangenehmes Gefühl: das Gefühl, nichts Neues mehr beitragen zu können.
Auch mir geht es regelmäßig so. Beim Lesen denke ich oft, dass andere das Thema bereits präziser, klarer und umfassender formuliert haben. Dass ich eigentlich zu spät dran bin. Und vielleicht ist dieses Gefühl auch wenig überraschend – schließlich stammen viele Beiträge von Personen, die sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte mit genau diesem Thema beschäftigt haben und als Koryphäen auf ihrem Gebiet gelten.

Fazit
Vielleicht muss man die „füllenswerte Lücke“ also ein Stück weit entzaubern.
Sie ist nichts, was man während der Recherche plötzlich findet wie einen verborgenen Schatz. Vielmehr entsteht der wissenschaftliche Mehrwert einer Dissertation durch den eigenen Zugriff auf das Thema mittels des gewählten Zuschnitts, der Perspektive und der Art der Auseinandersetzung.
Die Leistung besteht daher nicht zwingend darin, eine offensichtlich leere Stelle zu füllen. Sondern viel mehr darin, as Thema mit einen neuen Zugriff zu durchdringen.
