In Zeiten, in denen Künstliche Intelligenz juristische Hausarbeiten bestehen soll und juristische Datenbanken beginnen, KI-Tools einzusetzen müssen wir uns fragen: Wie sehr bereichert die KI uns in unserer rechtlichen Recherche wirklich? Verlieren wir durch sie unseren juristischen Scharfsinn? Diesen Fragen geht unsere Autorin Sophia in diesem Beitrag auf den Grund.

Eine Zeit vor KI
Ich habe mein Studium abgeschlossen, bevor Künstliche Intelligenz durch die Decke ging.
Bevor Videos von trampolinspringenden Kaninchen existierten und bevor ich mir ständig die Frage stellen musste, ob das, was ich vor mir habe, nun real oder KI-generiert ist. Um eine Hausarbeit zu schreiben, hatte ich die dürftige Auswahl unserer Bib, die juristischen Datenbanken und Online-Suchmaschinen zur Verfügung. Ich hatte keinen „KI-Buddy“, dem ich den Sachverhalt präsentieren konnte und der mir daraufhin in Sekundenschnelle eine vollständige Falllösung ausspuckte.
Erst in der Zeit meiner Examensvorbereitung bekam ich in meinem Umfeld mit, dass plötzlich die KI statt Google gefragt wurde, dass man die KI bloß mit ein paar Informationen zu seinem Lerntyp füttern brauchte und diese einem einen vollständigen und personalisierten Erfolgsplan zum Bestehen des 1. Staatsexamens ausspuckte.
Plötzlich konnte durch die Nutzung von KI enorm viel Zeit gespart werden. Innerhalb von Sekunden waren Lernzettel oder Karteikarten geschrieben und man hatte vermeintlich die Antworten auf jede seiner Fragen.
Ich bemerkte zwar im privaten Bereich, wie künstliche Intelligenz langsam die Google-Suche ablöste, doch bei der Nutzung zur juristischen Recherche blieb ich skeptisch.
Urteile schreiben mit Hilfe von KI?
Als ich dann Mitte letzten Jahres ins Referendariat startete wurde ich direkt ins kalte Wasser geworfen. Ich sollte plötzlich und ohne viel theoretischen Vorwissens zivilrechtliche Urteile für meinen Ausbilder verfassen. So begann auch ich für die juristische Recherche statt Google, die KI zu fragen.
Ich war zunächst begeistert darüber, wie schnell sie mir Antworten auf meine Fragen lieferte. Schön übersichtlich, durchnummeriert und mit Beispielen. Doch, wie sagt man so schön? Zwei Juristen – drei Meinungen? Schnell musste ich feststellen, dass die KI nur wahrscheinlichkeitsbasiert die Fähigkeiten eines „zweiten“ Juristen simuliert. Stellt man einfache Fragen wie: „wie lautet die zivilrechtliche Definition zum Schaden?“ ist die KI hilfreich und spuckt ziemlich sicher eine richtige Antwort aus. Fragt man allerdings nach ihrer Einschätzung zu einer rechtlichen Fragestellung, so entwickelt sie hierzu eine Meinung anhand aller Meinungen mit denen sie jemals „gefüttert“ wurde. Sie erfindet Gerichtsurteile, Aktenzeichen und verkauft ihre Meinung, wie es jeder Jurist und jede Juristin tun würde, als die Richtige.
Ehrlich gesagt bereitete mir die KI irgendwann nur mehr Aufwand als hätte ich direkt selbstständig nach vergleichbaren Gerichtsurteilen und Beschlüssen gesucht. Ständig ertappte ich mich dabei, wie ich eine Frage stellte, daraufhin eine Antwort ausgespuckt bekam und direkt ein Störgefühl in mir hochkam: „hm, stimmt das wirklich so?“ , „ist das nicht eigentlich anders?“, „komisch, würde ich irgendwie anders einschätzen.“
Ein Training für unser Problembewusstsein
Man könnte meinen, die Nutzung von KI lässt uns unseren juristischen Scharfsinn verlieren. Erst neulich las ich von einer Studie, die aufzeigte, wie sehr die Hirnaktivität durch die Nutzung von künstlicher Intelligenz abnehmen soll. 1
Doch ich bin der Meinung die KI fordert unser juristisches Problembewusstsein bei geschickter Nutzung geradezu heraus. Es ist, als würde man sich mit einem juristischen Gegenüber unterhalten, das seine ganz eigene Ansicht hat. Man darf nur nicht alles glauben, was die KI einem erzählt. Wie gesagt: zwei Juristen – drei Meinungen. Es gibt zu jeder juristischen Fragestellung unterschiedlichste Antworten und wie wir alle wissen „kommt es drauf an“. Die KI mag hier zwar oft inhaltlich keine größere Unterstützung bieten als der Blick in ein höchstrichterliches Urteil. Dennoch fordert sie uns heraus. Sie bringt uns dazu, konkreter zu hinterfragen, schärft unser Problembewusstsein und hilft uns unsere ganz eigene Ansicht zu entwickeln. Und DARAUF kommt es doch an.
Ein positiver Ausblick?
Zugegebenermaßen habe ich die jüngst veröffentlichte KI-Funktionen der beiden großen juristischen Datenbanken noch nicht getestet und kann daher nur von meiner Erfahrung mit den gängigen, kostenlosen KI-Tools sprechen. Ich werde dem Ganzen jedoch mal eine Chance geben und vielleicht wird durch sie die KI-gestützte Recherche ja gerade auf ein ganz neues Level gehoben? Es bleibt also spannend, die Entwicklungen zu verfolgen. Urteile erfinden werden sie zumindest hoffentlich nicht. 😉
Nutzt du Künstliche Intelligenz für die rechtliche Recherche? Teile gerne deine Gedanken und Erfahrungen zu diesem Thema mit uns auf Instagram @goldwaage.jura .
