Struktur auf Knopfdruck? Gliedern wissenschaftlicher Texte im Zeitalter von KI

KI kann man in fast jedem Kontext benutzen. Auch im Rahmen vom wissenschaftlichen Arbeiten lässt sie sich an verschiedenen Stellen einsetzen. Neben dem klassischen Optimieren von Formulieren, könnte man sie auch im Schritt davor – der Gliederung – verwenden. In diesem Beitrag zeigt dir unsere Autorin Lea, wie das geht.

Wissenschaftliches Arbeiten setzt neben der Themensuche (oder bei Seminararbeiten dem schon vorgegebenen Thema) voraus, dass man das Thema logisch aufbaut und den roten Faden durch die Arbeit laufen lässt. Neben der Materialsuche ist die Gliederung somit der zentrale Schritt, auf dem das Ergebnis aufbaut. 

Nicht verwunderlich ist es daher, dass man gerade beim Gliederungsprozess an die ein oder andere Grenze stößt oder mit Unsicherheiten zu kämpfen hat. Typische Fragen können dabei sein: ziehe ich einen allgemeinen Punkt vor die Klammer (also in den Grundlagenteil); habe ich alle relevanten Aspekte bedacht; wie vermeide ich unnötige Wiederholungen und viele mehr.

Der Einsatz von KI kann daher – in geeignetem Maße – sinnvoll sein. Im Folgenden stelle ich ein paar Einsatzfelder vor mit einer Einschätzung, was gut funktioniert und wo die KI an Grenzen stößt.

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1. Themenüberblick verschaffen und Material sammeln

Steht man noch ganz am Anfang seiner Arbeit, hat sein Forschungsfeld aber bereits gefunden, möchte und muss man nun die inhaltliche Ausrichtung näher konkretisieren. Dazu bietet es sich an, zunächst einmal selbst ohne großen fachlichen Hintergrund, ganz klassisch zu brainstormen z.B. in Mindmaps oder Tabellen. Anschließend kann man die Fragen, die man sich selbst gestellt hat, auch der KI stellen. Hier geht es eher darum möglichst viele Ideen zu sammeln und dafür auch gern auf das Wissen aus allen möglichen Quellen und Datenbanken zugreifen zu können.

Runter gebrochen könnte man es damit vergleichen, als würde man in einer größeren Gruppe Ideen sammeln, anstatt die KI zu fragen. Man setzt also auf Schwarmintelligenz.

2. Material sortieren

Im nächsten Schritt muss man sich mit den gesammelten Ideen auseinandersetzen. Nicht jeder Vorschlag, den die KI macht ist sinnvoll oder gar direkt verständlich. Die Aufgabe ist es dann also, für sich zu entscheiden, welche Vorschläge Teil der Materialsammlung werden und welche nicht. Dazu bedarf es meist einer kurzen Recherche und Einordnung in das Themenfeld. Und diese Einordnung führt weiter in die grobe Unterteilung der Hauptkapitel der wissenschaftlichen Arbeit. Dazu werden im nächsten Schritt durch die KI Oberbegriffe und zentrale Aspekte aus dem gesammelten Material bildet. Auch hier bieten sich visuellen Darstellung, welche die KI erstellen kann, ganz gut an.

3. Erstellung der Gliederung aus der Materialsammlung

3.1. KI-gestützte Gliederungserstellung

Ist man an diesem Punkt anbekommt, lässt man sich gern dazu verleiten, die KI nun auch die Gliederung erstellen zu lassen (unter Hinweis darauf den roten Faden zu beachten). KI denkt jedoch (noch) nicht selbstständig und basiert die Ergebnisse auf Wahrscheinlichkeiten. Eine wissenschaftliche Arbeit sollte aber gut durchdacht sein. Die von der KI vorgeschlagene Gliederung sollte daher höchstens als Ausgangspunkt betrachtet werden. Trügerisch ist hier häufig, dass das Ergebnis der KI auf den ersten Blick gut aussieht. Doch spätestens dann, wenn man die Überschriften mit Inhalt füllen muss, stößt man an Grenzen. Bis zu dieser Erkenntnis hat man aber wertvolle Zeit verloren, die gerade bei den Seminararbeiten besonders kostbar ist.

Hilfreich kann es daher sein, die Vorschläge der KI immer weiter zu verfeinern. Das kann gelingen, indem man die Gliederung der KI selbst durchdenkt und immer gezieltere Fragen stellt. Vielen fällt es leichter Bestehendes zu verbessern, anstatt selbst von Null Neues zu schaffen. Das wird durch den Einsatz von KI möglich. Wichtig ist aber auch hier, dass man im Hinterkopf behält, dass man selbst die höheren Kompetenzen als die KI hat und gegebenenfalls auch alles Vorgeschlagene unbrauchbar verwerfen muss.

3.2. KI als Sparringspartner

Neben der Möglichkeit, dass KI grundsätzlich die Gliederung erstellt, besteht natürlich auch der traditionelle Weg, es selbst zu machen. Wie anfangs gesagt, kann es aber passieren, dass man irgendwann auf Grenzen und Unsicherheiten stößt. Nach der Sichtung von Literatur z.B. hat man häufig viel Wissen und steht dann vor dem Problem es zu ordnen. Hier kann es hilfreich sein, der KI den eigenen Knoten im Kopf darzustellen. Das hilft zum einen, die eigenen Gedanken zu sortieren, weil man sie verschriftlicht und dadurch teils der Knoten schon gelockert oder gelöst wird. Und zum anderen, indem die KI die Gedanken für einen sortiert. Auch hier kann man dann immer genauer sein Störgefühl beschreiben oder kleinteiliger Nachfragen. Nach der Methode erstellt man die Gliederung zu größerem Teil selbst und nimmt nur ausgewählte von der KI eingebrachte Element mit auf.

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4. Erstellung von Überschriften

Ein wichtiger Aspekt der Gliederung – neben dem roten Faden – sind prägnante Überschriften. Gemeint sind damit solche, die verständlich auf den Punkt bringen, worum es im kommenden Abschnitt geht und somit den roten Faden der Arbeit erkennen lassen. Fehlt einem die nötige Kreativität, kann es auch hier sinnvoll sein, seine eigenen Überschriften von der KI optimieren zu lassen. Damit jedoch der angestrebte Zweck erreicht werden kann, ist es meist notwendig, der KI kurz zu beschreiben, worum es in dem Abschnitt gehen wird. Teils werden auch hier mehrfache Nachfragen und Verfeinerungen notwendig sein.

5. Tücken 

Wirklich tückisch kann es sein, dass man zu Beginn schon zu stark auf die KI baut. Entweder um Zeit zu sparen oder aus Unsicherheiten und deshalb direkt auf die KI zurückgreift. Die Gefahr ist dann groß, dass man sich nicht intensiv genug mit seinem Thema auseinandersetzt und daher gar nicht so recht weiß, worüber man überhaupt schreibt oder wesentliche Aspekte übersieht. Um dieses Gefühl zu vermeiden, bietet es sich an, dass man zunächst eine ganz simple Ideensammlung ohne Einsatz von KI macht, dann in die Literaturrecherche startet. Während man überblicksartig liest, Themenfelder ausmacht und diese festhält. Und anschließend erst die KI mit einbezieht.

6. Fazit

Gliedern ist eine Fertigkeit und bedarf viel Übung. Studium und Promotion sind als Qualifikationsphasen gerade dazu da, diese zu erwerben. Deshalb ist ein Rückgriff auf die KI immer mit Bedacht zu wählen. Es wäre jedoch auch nicht sonderlich zukunftsgewandt, würde man sich den Möglichkeiten, die KI mit sich bringt, verwehren. In unterstützender Funktion, z.B. als Gedankenanstoß oder zur Verfeinerung der eigenen Ideen kann der Einsatz von KI daher sehr sinnvoll sein und den Gliederungsprozess effizienter gestalten.

Hast du KI schon mal zum Gliedern von Seminararbeiten, Aufsätzen, etc. genutzt? Teile gern deine Erfahrungen mit uns und der Community auf Goldwaage.jura bei Instagram.

Diese Fehler verraten, dass du ChatGPT für deine Hausarbeit nutzt

KI als Recherchetool zu nutzen, ist an den meisten Unis nicht verboten. Brenzlig wird es erst, wenn ein Großteil deiner Hausarbeit von einer KI verfasst wird. In diesem Beitrag erklärt dir unsere Autorin Stine, woran man einen von ChatGPT erstellten Text enttarnen kann.

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Manchmal steht man vor juristischen Fragestellungen im Studium und findet einfach keinen Einstig in die Materie. Da kommt einem schnell in den Sinn die allwissende KI zu fragen. Meistens klingen die Antworten bei dem ersten Lesen auch so überzeugend, dass man sich fragt: „wozu überhaupt noch anstrengen?“. Und weil es so viel einfacher ist, liegt der Wunsch nahe, die Hausarbeit doch gleich vollständig von einer KI schreiben zu lassen. Warum das gerade mit Hilfe von ChatGPT im Jurastudium keine gute Idee ist, erzähle ich dir jetzt. 

Spiegelstriche

Noch nie habe ich in meinen juristischen Hausarbeiten oder anderen verschriftlichten Werken mit Spiegelstrichen gearbeitet. Frage ich aber ChatGPT nach einer besseren Formulierung, baut das Programm in nahezu jeden Absatz mindestens einen ein. Manchmal ist das ganz sinnvoll, meist tut es aber auch ein Komma.

Quellen

ChatGPT kann keine zuverlässige Quellenarbeit im Jurastudium ersetzen. Wer einer Angabe dieser KI ohne eigene Recherche glaubt, ist meist schon durchgefallen. Das Programm vertauscht Absätze, Seitenzahlen, Gerichte und kann Primär- nicht von Sekundärquellen unterscheiden. Gar nicht so selten existieren die angegebenen Quellen überhaupt nicht. Weist man das Programm darauf hin, dass die Quelle in dieser Form nicht existiert, denkt es sich kurzerhand einen neuen Fundort aus. 

Zweifelhafte juristische Schlüsse

Dieser Fehler zeigt besonders deutlich, warum KI (noch) keine Juristen ersetzen kann. Insbesondere ChatGPT kann nicht juristisch „denken“. Trotzdem liest man regelmäßig gut klingende und sauber argumentierte Schlussfolgerungen aus Urteilen oder Gesetzeswortlauten, die bei genauerer Betrachtung wenig Sinn ergeben. Dementsprechend sollte man jede juristische Behauptung von ChatGPT überprüfen. 

In meinem Fall hat die KI sich einmal eine zivilprozessrechtliche Maxime ausgedacht. Kurz war ich davon sehr überzeugt und hätte mich beinahe vor meinem ausbildenden Richter lächerlich gemacht. Ein Glück bin ich dem Ganzen noch rechtzeitig auf die Schliche gekommen. 

Kein Faktencheck

ChatGPT checkt keine Fakten. Gerade bei juristischen Fragestellungen fällt auf, dass das Programm im Wesentlichen auf freizugängliche Quellen zurückgreift. Inhalte hinter Paywalls bleiben außen vor. Dadurch gibt die KI ungefiltert alle im Internet frei zugänglichen Meinungen wieder, ohne deren Qualität oder Tragfähigkeit zu prüfen. Das Bild, dass das Programm von bestimmten Ansichten zeichnet, weicht daher häufig signifikant vom tatsächlichen Meinungsbild in Fachliteratur und Rechtsprechung ab. Das liegt an der Arbeitsweise der KI. Diese filtert die gefundenen Informationen gerade nicht nach wissenschaftlicher Qualität, sondern eher nach quantitativen Kriterien.

Überperfekte Sprache

Fragt man die KI wie sie eine Formulierung findet oder ob sie Verbesserungsvorschläge hat, antwortet diese häufig mit nahezu gleichlautenden Sätzen, die nur geringfügig abweichen. Selbst Sätze die ChatGPT erstellt hat, werden wieder abgeändert. Ob das immer zur Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit des Geschrieben beiträgt, wage ich zu bezweifeln. 

In erster Linie führt es eher zur Verunsicherung derjenigen, die ohnehin schon nach der „schönsten“ Formulierung suchen. Teilweise kann das Programm wirklich gut formulieren, aber man sollte sich nicht von den eigenen stilistischen Ansprüchen abbringen lassen. Manchmal kritisiert ChatGPT nur, weil keine Vorschläge keine Option sind. 

Außerdem lassen überperfekte Formulierungen schnell auf die Nutzung von KI schließen. Vor allem orthographische und stilistische Fehler unterlaufen schließlich jedem Menschen.

Screenshot

Fehlende Entscheidungsfreude

ChatGPT bezieht nie Stellung. Bei der Nutzung des Programms fällt die sprachliche Vorsicht auf. Klare juristische Aussagen findet man selten. Stattdessen wird fast alles relativiert. Das klingt zunächst wissenschaftlich, stellt aber keine klare Entscheidung in den Mittelpunkt. 

Gerade in Hausarbeiten im Jurastudium wird erwartet, dass man eine klare Position. Die Texte wirken zwar sauber formuliert, bleiben aber inhaltlich unentschlossen. 


Sich Inspiration von ChatGPT für die Hausarbeit oder andere juristische Fragestellungen zu holen kann sinnvoll sein, sollte aber niemals ungeprüft übernommen werden. Teilweise ist die KI so überzeugt von ihrer eigenen Ansicht, dass sie auch auf mehrmaligen Hinweis nicht davon abrückt. Das sollte dich jedoch nicht beirren. Besonders in letzter Zeit habe ich häufiger das Gefühl, dass ich in juristischen Fragestellungen klüger bin als ChatGPT und dass zumindest meine Quellenarbeit, die des Programms um Meilen übertrifft. Gleiches gilt übrigens für die Planung von Reisen 😉

Welche Fehler hast du schon mal mit ChatGPT gemacht? 

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3 geniale Alternativen zu ChatGPT fürs Jurastudium

Noch vor kurzem war ChatGPT in aller Munde, inzwischen steht der KI-Assistent aber aus verschiedenen Gründen in der Kritik. Doch auf KI verzichten musst du deshalb auf keinen Fall! In diesem Beitrag stellen wir dir daher drei Plattformen vor, die dein Lernen und deine Recherche revolutionieren.

Was spricht gegen ChatGPT?

Der erste Hype um ChatGPT ist abgeflacht und vielen fallen immer merh Schwächen des KI-Assistenten auf. Da wären beispielsweise die sogenannten Halluzinationen, bei denen sich die KI Quellen und Fundstellen (zB von Gerichtsurteilen) einfach ausdenkt. Die KI ist zudem darauf ausgelegt, deine Aussagen zu bestätigen. ChatGPT bastelt Antworten, die dir als User gefallen, aber nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen. Viele Nutzer stören sich zudem daran, dass der Chef von Open AI, dem Unternehmen hinter ChatGPT, 25 Millionen Dollar für Trumps Wahlkampf gespendet hat.

Es wird also Zeit, den Blick auf andere Plattformen zu werfen, die dein Jurastudium auf ein neues Level haben können.

1. Perplexity

Auf den ersten Blick unterscheidet sich Perplexity optisch kaum von ChatGPT. Anders als ChatGPT basiert die KI aber auf vielen verschiedenen Sprachmodellen. Während ChatGPT als Kommunikationstool oft lange Dialoge mit seinen Nutzern hält, ist Perplexity als Recherchetool darauf ausgelegt, kurze Antworten mit der Angabe von Quellen zu geben.

Besonders praktisch: Die KI hat einen Suchmodus namens “Lerne Schritt für Schritt”, in der sie Sachverhalte detailliert erklärt. Die KI kann dir zudem Quizzes erstellen, indem du dein Wissen überprüfen und den Schweregrad der Fragen anpassen kannst.

2. Notebook LM

Ich wünschte, dieses Tool hätte es schon viel früher gegeben – ich hätte Unmengen an Zeit gespart! Bei Notebook LM kannst du dir Dokumente oder Suchanfragen als Audio, Video, Mindmap, Bericht oder Karteikarte zusammenfassen lassen. Die Qualität der Unterlagen überzeugt, insbesondere die Audiodateien sind von Lernpodcasts kaum zu unterscheiden. In der Bezahlversion gibt es zudem die Möglichkeit, Infografiken und Tabellen zu erstellen. Die App verlinkt außerdem, welche Quellen sie als Grundlage benutzt.

Besonders praktisch: Mit der KI kannst du in kürzester Zeit Lernmaterialien erstellen, die auf dich und deinen Lernstil zugeschnitten sind.

3. Beck-Chat

Die KI von beckonline ist ein guter Startpunkt für eine Recherche. Sie benutzt nur Quellen, die auf der Plattform existieren und verlinkt diese. Allerdings lohnt es sich, die Quellen zu prüfen, denn bei besonders seltenen Fragen liest die KI Dinge in ihre Quellen hinein, die dort nicht unbedingt stehen. Für die klassischen Fragen aus dem Studium, zu denen viel Literatur existiert, eignet sie sich jedoch allemal.

Besonders praktisch: Du findest in kürzester Zeit eine Menge zitierfähiger Fundstellen aus dem deutschen Recht – ein Gamechanger für Haus- und Seminararbeiten.

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„Jura ist nur Auswendiglernen“ – 6 Mythen über das Jurastudium und was an ihnen dran ist

Über das Jurastudium gibt es so manche (Vor-)Urteile. Spielt man ernsthaft mit dem Gedanken, Jura zu studieren, stößt man zweifelsohne auf den ein oder anderen Mythos. Vor allem sein Ruf als trockenes, lernintensives und mit enormen Belastungen verbundenes Studium eilt Jura voraus. In diesem Beitrag geht unsere Autorin Lea den hartnäckigsten Klischees auf den Grund.

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1. Bei Jura steht doch alles im Gesetz

Wie toll es doch wäre, wenn tatsächlich alles im Gesetz stünde. Das hätte mir unzählige Stunden des Auswendiglernens von Streitständen erspart. Tatsächlich ist es aber so, dass die abstrakt-generellen Normen, d.h. Vorschriften die auf unzählige Fälle anwendbar sind, teils auslegungsbedürftig sind. Nur so gelingt es in der Rechtsanwendung „gerechte“ Lösungen zu finde.

In der Konsequenz bedeutet es dann aber auch, dass es verschiedene Interpretationsmöglichkeiten mit entsprechenden Argumentationen gibt. Je weiter man in der juristischen Ausbildung voranschreitet, desto leichter mag es einem fallen, diese Interpretationen selbst zu entwickeln. Bis dahin bleibt einem aber selten etwas anders übrig, als die bestehenden Meinungen auswendig zu lernen. Der Gesetzeswortlaut an sich ist dafür zwar eine gute Grundlage, aber meist nicht ausreichend. Nicht grundlos dürfen im Zweiten Staatsexamen Kommentare bei der Bearbeitung der Klausuren verwendet werden.

Im Ergebnis kommen wir JuristInnen mit dem Gesetzestext allein ungefähr so weit, wie die NaturwissenschaftlerInnen mit dem angedruckten Periodensystem.

2. Jura ist furchtbar trocken

Wohl DIE Aussage über das Jurastudium ist, dass es super trocken ist. Ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht so genau, was damit eigentlich gemeint ist. Bezieht man es darauf, dass man viel Theorie und (vermeintlich) abstrakte Streitstände lernt, so mag das wohl sein. Doch die Streitstände sind typischerweise der Praxis entsprungen oder ihr zumindest angelehnt, weil sie im Rahmen eines realen Sachverhaltes aufgetaucht sind. Auch steht durch die Bearbeitung von Fällen und der Erstellung von Gutachten als Prüfungsleistungen stetig die Anwendung der Gesetze und des juristischen Handwerkzeugs im Vordergrund. 

Die Vermittlung von theoretischem Wissen steht zwar im Mittelpunkt des Studiums. Den Vorwurf es sei so „trocken“, könnte man dann wohl jedoch an jedes beliebige Studienfach richten, da dies charakteristisch für das Studieren an sich ist. Der großen Unterschied zum Jurastudium könnte jedoch in der Masse an Stoff liegen, die man im Laufe des Jurastudiums zu bewältigen hat.

3. Nur mit Prädikatsexamen kann man Karriere machen

Auch der Mythos, dass man nur mit einem Prädikat, d.h. mindestens 9 Punkten im Examen, Karriere machen kann, hält sich wacker. Die Durchschnittsergebnisse beider Examina zeigen aber deutlich, dass das in der Praxis faktisch nicht (mehr) so ist. Und auch der stetige „Juristenmangel“ – durch Pensionierungswellen und demographischen Wandel – tut sein übriges dafür, dass man „auch“ mit einem Examen unterhalb des Prädikats eine breite Auswahl auf dem Arbeitsmarkt und damit zur beruflichen Selbstverwirklichung hat. Die Aussage, dass man entweder Taxifahrer oder reich wird, ist tatsächlich nur ein Mythos. Dies dürfte hoffentlich dem ein oder anderen den Druck hinsichtlich der Examensnote etwas nehmen.

4. Jurastudierende sind EinzelkämpferInnen

Irgendwann im Studienverlauf hört man davon, dass Hausarbeiten geklaut, Zeitschriften versteckt oder Seiten herausgerissen werden. Wie viel da tatsächlich dran ist oder ob es zu großen Teilen nur Urban Legends sind, lässt sich schwer sagen. Jedoch bilden sich schon früh im Studium Freundschaften oder auch Lerngruppen. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass wenn man die für sich „richtigen“ KommilitonInnen gefunden hat, man sich gegenseitig unterstützt und motiviert. Sicherlich mag es den ein oder anderen Studierenden geben, der egozentrisch sein mag, doch auch das ist kein Alleinstellungsmerkmal für JuristInnen.

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5. Man muss ein einser Abi haben

Auch die Vorstellung, dass man extrem intelligent sein oder ein einser Abischnitt haben muss, um das Examen zu bestehen, hält sich beständig.

Wer diesen Schnitt erreicht hat, hat zwar bereits in der Schule gezeigt, dass er oder sie diszipliniert viele Themenbereiche erarbeiten kann. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass das ein Garant oder gar die Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Jurastudium ist. Jura ist ein Marathon, bei dem man sich über Jahre stetig bereit gefächertes Wissen aneignet. Dafür braucht es vor allem Durchhaltevermögen und hohe intrinsische Motivation. Auch ein Schüler, der sein Abi mit einer Null-Bock-Einstellung bestanden hat und dann aber seine Leidenschaft für Jura entdeckt, wird das Studium (besser) meistern können, als ein/e AbiturientIn mit einem Schnitt von 1,0.

6. Mut zur Lücke

Allein die im Studium und Examen vorausgesetzte Stoffmenge sorgt dafür, dass es faktisch unmöglich ist, alles im Detail zu beherrschen. Folglich ist es unverzichtbar, schon früh den Stoff zu priorisieren und herauszufinden, was „relevant“ ist. „Mut zur Lücke“ als Motto im Studium ist daher meiner Ansicht nach Interpretationssache. Versteht man es so, dass man sich Themen gar nicht anschaut, kann man damit ziemlich auf die Nase fallen. Beherzigt man es jedoch, indem man nicht allzu streng mit sich selbst ins Gericht geht und es als in der Natur der Sache liegend ansieht, dass man nicht alles gleich gut können kann, kann es ein gesunder Weg sein, mit den Erwartungen und dem Druck, den das Studium mit sich bringt, umzugehen.

Fazit

Über das Jurastudium existieren weit mehr, als die hier angesprochenen Mythen. Doch wirklich viel, scheint an diesen nicht dran zu sein. Jeder kann im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst entscheiden, wie er sich das Studium gestaltet, und damit auch, wieweit eines dieser Mythen auf ihn oder sie und sein oder ihr Studium zutrifft.

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Ein Tag im Ministerium: Mein Erfahrungsbericht aus der Verwaltungsstation

Unsere Autorin Stine hat Ihre Verwaltungsstation in einem Landesministerium absolviert. In diesem Beitrag berichtet sie von ihren Erfahrungen aus den letzten drei Monaten – zwischen Gesetzesvorhaben, Teamarbeit und politischem Alltag

Das Klischee des kaffeetrinkenden Behördenmitarbeiters hält sich hartnäckig. In meiner Verwaltungsstation während des juristischen Referendariats durfte ich aber eine ganz andere Erfahrung machen. Ich bin inzwischen überzeugt: Man kann in der Verwaltung einen abwechslungsreichen, fordernden Job finden, der nie langweilig wird.

Fast drei Monate durfte ich den Berufsalltag in einem Ministerium miterleben. Tatsächlich stand für mich schon vor Beginn des juristischen Referendariats fest, dass ich meine Verwaltungsstation genau dort absolvieren möchte. Die Arbeit im Ministerium hat mich von Anfang an interessiert, sodass meine Entscheidung sehr bewusst gefallen ist.

Trotz der insgesamt flexiblen Arbeitsweise durch Homeoffice legten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in meiner Abteilung großen Wert darauf, sich mindestens einmal pro Woche persönlich zu treffen. Die große Bedeutung des persönlichen Austauschs passte gut zu meinem positiven Gesamteindruck. Es war den Kolleginnen und Kollegen ein großes Anliegen, auch Referendare bestmöglich in die Arbeit in der Verwaltung einzubeziehen und sie als Teil des Teams zu sehen.

Falls du in deiner Verwaltungsstation überlegst, in eine Behörde oder sogar eine obere Landesbehörde zu gehen, möchte ich hier einmal meinen ganz typischen Montag schildern, wie er für mich im Ministerium aussah.

06:00 Uhr – Aufstehen

Da ich mein juristisches Referendariat in einem Flächenland absolviere, gab es leider kein Ministerium in meiner Stadt. Trotzdem hatte ich sehr konkrete Vorstellungen davon, wie meine Verwaltungsstation aussehen sollte. Also habe ich einen Fahrtweg von etwa einer Stunde pro Strecke in Kauf genommen. Das hieß: früh aufstehen. Und an Tagen, an denen ich mit dem Zug unterwegs war, noch ein bisschen früher.

07:00 Uhr – Fahrtweg

Der Weg war lang, aber zumindest landschaftlich ein guter Start in den Tag. Die Kosten für den Fahrtweg können sogar im Rahmen des Trennungsgeldes ersetzt werden.

08:30 Uhr – Ankommen

Zu meiner eigenen Überraschung habe ich direkt einen eigenen Arbeitsplatz bekommen. Im Vergleich zu meiner Zeit am Landgericht war das ein großer Unterschied: Ich hatte einen festen Ort, an dem ich jeden Morgen ankam. Der Schreibtisch war sogar mit Stiften und Arbeitsmaterial ausgestattet. So habe ich mich direkt willkommen gefühlt.

09:00 Uhr – kleine Teambesprechung

Die Arbeitswoche begann meist mit einer Besprechung in kleiner Runde. Meine Abteilung bestand aus meiner Ausbilderin und drei weiteren Mitarbeiterinnen. In dieser Runde wurden aktuelle Themen, neue Aufgaben und laufende Projekte besprochen.

Der Austausch war immer offen und herzlich. Ich hatte nie das Gefühl, mich zurückhalten zu müssen. Fragen waren ausdrücklich erwünscht, Meinungen wurden ernst genommen. Einzelkämpferaufgaben gab es kaum, stattdessen war oft das ganze Team gefragt.

11:00 Uhr – Abteilungsbesprechung

In der Abteilungsbesprechung kamen mehrere Bereiche zusammen. Hier ging es um größere Projekte und um Themen, die die Abteilung insgesamt betrafen. Die Abteilungsleiterin berichtete unter anderem aus Gesprächen mit der Staatssekretärin und der Ministerin.

Um das Behördenklischee ein wenig zu bedienen, sei erwähnt, dass selbst während meiner dreimonatigen Zeit regelmäßige gemeinsame Geburtstagsfrühstücke stattfanden. Dann wurde die Besprechung kurzerhand zum Brunch.

12:00 Uhr – Mittagspause

Je nach Länge der Besprechung schloss sich die Mittagspause direkt an. Auch hier war ich meist nicht allein, sondern im Team unterwegs. In der Weihnachtszeit ging es auch mal gemeinsam auf den Weihnachtsmarkt.

Ab 13:00 Uhr – Aufgabenbearbeitung

Am Nachmittag habe ich an den mir übertragenen Aufgaben gearbeitet. Diese waren sehr abwechslungsreich und längst nicht immer rein juristisch. Ich habe an Gesetzesvorhaben mitgearbeitet, war in einen Entwicklungsplan eingebunden, habe zahlreiche Stellungnahmen zu anderen Gesetzesvorhaben verfasst und mich mit kommunaler Finanzierung beschäftigt.

Das Drumherum

Die restliche Woche wurde stets gemeinsam mit meiner Ausbilderin geplant. Zu interessanten Terminen haben mich die Mitarbeiterinnen jederzeit mitgenommen und sich viel Zeit genommen, mir ihre Themengebiete zu erklären. Ich durfte andere Ministerien kennenlernen und habe einen sehr realistischen Einblick in die oft komplexen Abstimmungs- und Kommunikationsprozesse zwischen Behörden bekommen.

Langweilig wurde mir nicht. Auch weil ich bei der Wahl meiner Verwaltungsstation bewusst meine eigenen Interessen in den Vordergrund gestellt habe, habe ich unglaublich viel über politische Themen gelernt, die mich persönlich wirklich interessieren.

Wer seine Verwaltungsstation allerdings vor allem zur intensiven Examensvorbereitung nutzen möchte, sollte wissen, dass mir in einer oberen Landesbehörde kaum examensrelevante Inhalte begegnet sind. Für mich war genau diese Abwechslung nach der eher eintönigen Zivilstation aber ein echter Gewinn.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Engagement der Mitarbeiterinnen. Auch wenn politische Prozesse manchmal langsam sind, hatte ich nie den Eindruck von Gleichgültigkeit.

Ref im Ministerium – ist das empfehlenswert?

Rückblickend bin ich sehr froh, mich für die Verwaltungsstation im Ministerium entschieden zu haben. Die Zeit war fachlich abwechslungsreich, persönlich bereichernd und hat mir einen Arbeitsbereich nähergebracht, dessen Aufgaben mir im Vorfeld völlig unklar waren. Wer also mit dem Gedanken spielt, seine Verwaltungsstation in einem Ministerium zu absolvieren, sollte sich von Klischees nicht abschrecken lassen, der Blick hinter die Kulissen lohnt sich.

Hast du die Verwaltungsstation ähnlich erlebt – oder ganz anders? Für weitere Einblicke aus dem Referendariat, Studium oder Job folge Goldwaage auf Instagram.

Künstliche Intelligenz für die Recherche? Wie die KI unsere juristischen Fähigkeiten auf die Probe stellt

In Zeiten, in denen Künstliche Intelligenz juristische Hausarbeiten bestehen soll und juristische Datenbanken beginnen, KI-Tools einzusetzen müssen wir uns fragen: Wie sehr bereichert die KI uns in unserer rechtlichen Recherche wirklich? Verlieren wir durch sie unseren juristischen Scharfsinn? Diesen Fragen geht unsere Autorin Sophia in diesem Beitrag auf den Grund. 

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Eine Zeit vor KI

Ich habe mein Studium abgeschlossen, bevor Künstliche Intelligenz durch die Decke ging. 

Bevor Videos von trampolinspringenden Kaninchen existierten und bevor ich mir ständig die Frage stellen musste, ob das, was ich vor mir habe, nun real oder KI-generiert ist. Um eine Hausarbeit zu schreiben, hatte ich die dürftige Auswahl unserer Bib, die juristischen Datenbanken und Online-Suchmaschinen zur Verfügung. Ich hatte keinen „KI-Buddy“, dem ich den Sachverhalt präsentieren konnte und der mir daraufhin in Sekundenschnelle eine vollständige Falllösung ausspuckte. 

Erst in der Zeit meiner Examensvorbereitung bekam ich in meinem Umfeld mit, dass plötzlich die KI statt Google gefragt wurde, dass man die KI bloß mit ein paar Informationen zu seinem Lerntyp füttern brauchte und diese einem einen vollständigen und personalisierten Erfolgsplan zum Bestehen des 1. Staatsexamens ausspuckte.

Plötzlich konnte durch die Nutzung von KI enorm viel Zeit gespart werden. Innerhalb von Sekunden waren Lernzettel oder Karteikarten geschrieben und man hatte vermeintlich die Antworten auf jede seiner Fragen. 

Ich bemerkte zwar im privaten Bereich, wie künstliche Intelligenz langsam die Google-Suche ablöste, doch bei der Nutzung zur juristischen Recherche blieb ich skeptisch. 

Urteile schreiben mit Hilfe von KI?

Als ich dann Mitte letzten Jahres ins Referendariat startete wurde ich direkt ins kalte Wasser geworfen. Ich sollte plötzlich und ohne viel theoretischen Vorwissens zivilrechtliche Urteile für meinen Ausbilder verfassen. So begann auch ich für die juristische Recherche statt Google, die KI zu fragen. 

Ich war zunächst begeistert darüber, wie schnell sie mir Antworten auf meine Fragen lieferte. Schön übersichtlich, durchnummeriert und mit Beispielen. Doch, wie sagt man so schön? Zwei Juristen – drei Meinungen? Schnell musste ich feststellen, dass die KI nur wahrscheinlichkeitsbasiert die Fähigkeiten eines „zweiten“ Juristen simuliert. Stellt man einfache Fragen wie: „wie lautet die zivilrechtliche Definition zum Schaden?“ ist die KI hilfreich und spuckt ziemlich sicher eine richtige Antwort aus. Fragt man allerdings nach ihrer Einschätzung zu einer rechtlichen Fragestellung, so entwickelt sie hierzu eine Meinung anhand aller Meinungen mit denen sie jemals „gefüttert“ wurde. Sie erfindet Gerichtsurteile, Aktenzeichen und verkauft ihre Meinung, wie es jeder Jurist und jede Juristin tun würde, als die Richtige. 

Ehrlich gesagt bereitete mir die KI irgendwann nur mehr Aufwand als hätte ich direkt selbstständig nach vergleichbaren Gerichtsurteilen und Beschlüssen gesucht. Ständig ertappte ich mich dabei, wie ich eine Frage stellte, daraufhin eine Antwort ausgespuckt bekam und direkt ein Störgefühl in mir hochkam: „hm, stimmt das wirklich so?“ , „ist das nicht eigentlich anders?“, „komisch, würde ich irgendwie anders einschätzen.“

Ein Training für unser Problembewusstsein

Man könnte meinen, die Nutzung von KI lässt uns unseren juristischen Scharfsinn verlieren. Erst neulich las ich von einer Studie, die aufzeigte, wie sehr die Hirnaktivität durch die Nutzung von künstlicher Intelligenz abnehmen soll. 1

Doch ich bin der Meinung die KI fordert unser juristisches Problembewusstsein bei geschickter Nutzung geradezu heraus. Es ist, als würde man sich mit einem juristischen Gegenüber unterhalten, das seine ganz eigene Ansicht hat. Man darf nur nicht alles glauben, was die KI einem erzählt. Wie gesagt: zwei Juristen – drei Meinungen. Es gibt zu jeder juristischen Fragestellung unterschiedlichste Antworten und wie wir alle wissen „kommt es drauf an“. Die KI mag hier zwar oft inhaltlich keine größere Unterstützung bieten als der Blick in ein höchstrichterliches Urteil. Dennoch fordert sie uns heraus. Sie bringt uns dazu, konkreter zu hinterfragen, schärft unser Problembewusstsein und hilft uns unsere ganz eigene Ansicht zu entwickeln. Und DARAUF kommt es doch an.

Ein positiver Ausblick?

Zugegebenermaßen habe ich die jüngst veröffentlichte KI-Funktionen der beiden großen juristischen Datenbanken noch nicht getestet und kann daher nur von meiner Erfahrung mit den gängigen, kostenlosen KI-Tools sprechen. Ich werde dem Ganzen jedoch mal eine Chance geben und vielleicht wird durch sie die KI-gestützte Recherche ja gerade auf ein ganz neues Level gehoben? Es bleibt also spannend, die Entwicklungen zu verfolgen. Urteile erfinden werden sie zumindest hoffentlich nicht. 😉

Nutzt du Künstliche Intelligenz für die rechtliche Recherche? Teile gerne deine Gedanken und Erfahrungen zu diesem Thema mit uns auf Instagram @goldwaage.jura .

  1. https://www.media.mit.edu/publications/your-brain-on-chatgpt/ ↩︎

Die Kammerzulassung – Lasst mich Anwalt, ich bin durch

Unser Autor Robert hat beide Examina bestanden – und wollte nun noch seine Anwaltszulassung beantragen. Warum dieses Unterfangen gar nicht so einfach war, wie gedacht, verrät er in diesem Beitrag.

Nach dem zweiten Staatsexamen denkt man kurz, das Gröbste sei geschafft. Spoiler: Der Spaß geht gerade erst los. Denn bevor man sich als Volljurist mit der „Befähigung zum Richteramt“ tatsächlich „Rechtsanwalt“ nennen darf, wartet noch ein letzter – gern unterschätzter – Schritt: die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft. Ich stecke gerade in diesen Prozess und kann sagen: Juristisch unspektakulär, administrativ aber ähnlich komplex wie die Anmeldung zum Referendariat oder dem ersten Examen. Vor allem, weil jede Kammer trotz der gleichen Rechtsgrundlage in §§ 4 ff. BRAO ihre kleinen formalen Eigenheiten aufgrund der Selbstverwaltung hat.

Exemplarisch sollen hier die Unterschiede im Zulassungsverfahren zwischen der Hanseatischen Rechtsanwaltskammer Hamburg und der Rechtsanwaltskammer Brandenburg dargestellt werden.

Der Antrag: Papier schlägt Examen

Unabhängig vom Kammerbezirk beginnt alles mit einem formalen Zulassungsantrag. Ohne vollständig ausgefüllten Antrag läuft gar nichts, aber damit hat man als Volljurist ja mittlerweile seine Erfahrungen. In Brandenburg ist der Ablauf stark formalisiert. Die Kammer stellt einen sehr detaillierten Zulassungsbogen zur Verfügung, der Punkt für Punkt abarbeitet, was einzureichen ist.

Neben den persönlichen Daten gehören dazu ein lückenloser Lebenslauf mit Lichtbild, eine beglaubigte Kopie des zweiten Examens (die es vom OLG Rostock zum Glück gratis gab), wohl eine Geburtsurkunde und diverse Erklärungen zu Vorstrafen, laufenden Verfahren oder wirtschaftlichen Verhältnissen. Wer bereits einen akademischen Grad mitbringt, muss auch hierüber den Nachweis führen. Insgesamt handelt es sich bei den Dokumenten somit um keine „Exoten“, wie etwa bei den diversen Scheinen zu Fremdsprachen und Schlüsselqualifikationen, die man nach 5 Jahren Studium für die Examensanmeldung sammeln musste.

Was in Brandenburg etwas verwirrt ist, dass es ein „Merkblatt“ zum Zulassungsantrag gibt, dass aber schon länger nicht mehr aktualisiert worden zu sein scheint. Die Pflicht zur Einreichung einer Geburtsurkunde findet sich ausschließlich hier und nicht auf dem Antragsbogen, auch werden akademische Titel hier nicht erwähnt und die Gebühr weicht vom Formblatt ab.

Hamburg ist im Ansatz wenig überraschend ähnlich. Auch hier gibt es Antragsformulare, allerdings sind die Informationen auf der Website weniger kleinteilig aufbereitet, auch wird bei Beitritt zu einer bestehenden Kanzlei statt einer Neugründung auf eine sog. „Kanzleibestätigung“ des bisherigen Kanzleiinhabers verzichtet. Auch scheint das Formular etwas aufgeräumter, enthält unter anderem bereits Angaben zur Ausstellung des Zugangs zum besonderen elektronischen Anwaltspostfach und den Kammerbeiträgen. Diese Ausführungen fehlen in Brandenburg jeweils. Auch ist das Merkblatt ausschließlich in die Datei des Antrags integriert, hier ist ein „Auseinanderlaufen“ wie in Brandenburg ausgeschlossen.

Gebühren: Kein Vermögen, aber auch kein Symbolbetrag

Ganz ohne Kosten geht es nicht. In Brandenburg fällt für das Zulassungsverfahren eine feste Verwaltungsgebühr an, die aktuell 300 Euro beträgt. Dazu kommt später der jährliche Kammerbeitrag.

In Hamburg ist die Gebühr mit 100 Euro erheblich günstiger, auch wird direkt die Möglichkeit eingeräumt, bei einem Eintritt im laufenden Jahr die jährlich anfallende Kammergebühr auf Antrag anteilig zu reduzieren. Ein derartiger Hinweis fehlt in Brandenburg.

Bei einem Eintritt in eine größere Kanzlei ist hierzu aber anzumerken, dass die Gebühren üblicherweise von der Kanzlei übernommen werden.

Berufshaftpflicht: Ohne Police keine Zulassung

Ein Punkt, der oft erst spät ernst genommen wird, ist die Berufshaftpflichtversicherung. Ohne entsprechenden Nachweis gibt es keine Zulassung – so will es § 12 Abs. 2 Nr. 2 BRAO. Die Versicherung muss bestimmte gesetzliche Mindestdeckungssummen von 250.000 Euro erfüllen, § 51 Abs. 4 BRAO. Dies deckt in der klassischen Kanzlei viele Streitwerte bei „beruflicher Schlechtleistung“ ab, kann aber etwa bei Beratungen im Immobilienbereich auch nach Bedarf weiter erhöht werden.

In der Praxis reicht für den Antrag meist eine vorläufige Deckungszusage, da die Versicherungen erst ab Zulassung laufen und entsprechend vorher nicht bestehen. Entsprechende Versicherung sind wegen ihrer gesetzlichen Pflicht aber standardisiert und bei allen größeren Versicherungen unkompliziert abzuschließen. Auch hier kümmert sich bei größeren Kanzleien zudem oft der Arbeitgeber.

Die Vereidigung: Überraschend feierlich

Ist der Antrag geprüft und positiv beschieden, folgt der letzte Schritt: die Vereidigung. Praktisch kennt jeder an dieser Stelle bereits den Ablauf zumindest vom Beginn des Referendariats. Hand heben und eine etwas vom Referendariat verschiedene Formel rezitieren:

Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, die verfassungsmäßige Ordnung zu wahren und die Pflichten eines Rechtsanwalts gewissenhaft zu erfüllen, so wahr mir Gott helfe.“ (§ 12a Abs. 1 BRAO)

Hier erfolgt die Veranstaltung in Brandenburg oft nach einer Bearbeitungsdauer von wenigen Wochen auf Ladung in sehr kleinem Kreis in den Räumen der Kammer. In Hamburg findet ein monatlicher Termin statt, bei dem aufgrund der etwa fünfmal so großen Anwaltschaft eine größere Gruppe in der Kammer zusammenkommt, um danach mit Sekt feierlich anzustoßen.

Fazit: Unterm Strich eine Anwaltschaft

Der Vergleich zeigt: Die Anforderungen sind bundesweit gleich, der Weg im Wesentlichen auch. Die Kammern sind ihrer Natur nach Selbstverwaltungskörperschaften, die ihre Verfahren nach ihren Möglichkeiten und kleinen regionalen Eigenheiten gestalten. Im Kern gibt es aber eine einheitliche Anwaltschaft, die mittlerweile unabhängig vom Kammerbezirk (mit Ausnahme des BGH in Zivilsachen) bundesweit tätig werden können und unter dem Dach der Bundesrechtsanwaltskammer organisiert ist.

Mein wichtigster praktischer Rat zur Zulassung: Fang frühzeitig an. Die Zulassung ist kein Hexenwerk, aber auch nichts, was man „mal eben“ nebenbei erledigt. Wer die Unterlagen sorgfältig vorbereitet, die Versicherung rechtzeitig abschließt kommt am Ende zügig ans Ziel. Deshalb hilft vorab bereits ein Blick in die Formulare eurer zukünftigen Kammer.

Und dann dürfen eure Freunde und Familie endlich sagen: Ich rufe erst mal meinen Anwalt an.

PS: Da ich aktuell noch im Zulassungsprozess bin, findet sich hier nur ein Stockfoto. Ein echtes Bild von der Vereidigung in Brandenburg seht ihr aber zeitnah auf unserem Instagramkanal.

Welches ist das richtige Betreuungsverhältnis für deine juristische Dissertation? Mache den Selbsttest!

Einen Doktorvater, bzw. eine Doktormutter zu finden, ist oft gar nicht so einfach. Unsere Autorin Lea hat für dich einen Fragebogen entwickelt, anhand dessen du herausfinden kannst, welche Art der Betreuung für dich die richtige ist.

Neben der Entscheidung deines konkreten Promotionsthemas, ist die Wahl für eine Betreuungsperson entscheidend. Sie kann nicht nur über die Note, sondern auch das Gelingen oder gar Scheitern der Promotion entscheiden.

Umso maßgeblicher ist es, die vermeintlich richtige Wahl für das Betreuungsverhältnis zu treffen.

Den wohl häufigsten Tipp, den ich dazu bekommen habe, war, dass ich mit den wissenschaftlichen Mitarbeitenden oder DoktorandInnen sprechen soll.

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Dieser Rat hat mir ehrlich gesagt gar nicht weiter geholfen. Entweder weil ich selbst an dem Lehrstuhl gearbeitet und so einen verhältnismäßig guten Einblick hatte, wie die Betreuung so abläuft. Oder aber meine favorisierte/r Doktormutter bzw. -vater so weit weg war, dass ich weder wusste, wie ich mit den Doktorand:innen in Kontakt kommen sollte, noch ob sie mir eine ehrliche Antwort geben würden.

Mittlerweile habe ich mich für eine Betreuung entschieden und bin dabei nach meinem Bauchgefühl gegangen. Jetzt als Teil dieser neuen Welt der DoktorandInnen – die ich zugegebenermaßen ziemlich glorifiziert hatte im Vorfeld – kann ich sagen, dass das passende Betreuungsverhältnis stark vom individuellen Arbeitsstil geprägt ist. 

Es gibt nicht das perfekte Betreuungsmodell, sehr wohl aber das passende für dich!

Der Beitrag soll dir helfen ein Gespür dafür zu bekommen, welches am ehesten zu dir passen könnte.

Arten von Betreuungsmodellen

Jede Betreuung ist individuell und nicht nur von Doktormutter oder – vater abhängig, sondern entscheidend auch vom Betreuten. Pauschale Betreuungsmodelle lassen sich daher nur schwer festmachen. Jedoch gibt es grobe Leitlinien anhand derer man die Betreuungsmodelle unterscheiden kann:

1. Die „lockere“ Betreuung

Die „lockere Betreuung ist geprägt durch viel Freiraum, wenig Treffen und primär auf Eigenständigkeit des Promovierenden ausgelegt. 

2. Die „engmaschige“ Betreuung

Die „engmaschige“ Betreuung ist das genaue Gegenteil. Sie zeichnet sich durch regelmäßige, zeitnahe Treffen mit konkrete Zwischenzielen aus. Der Einfluss des Betreuenden auf Inhalt und Stil ist dementsprechend höher.

3. Die „strukturierte“ Betreuung

Die „strukturierte“ Betreuung ist die goldene Mitte aus „lockerer“ und „engmaschiger“ Betreuung. Es erfolgen regelmäßige Treffen mit Feedback, es werden Zwischenziele gesetzt und Angebote für Nachfragen gemacht. Jedoch nicht in der Intensität wie beim „engmaschigen“ Modell.

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Selbsttest

Mache jetzt den Selbsttest welcher dieser Betreuungsmodelle am besten zu dir passen könnte. Antworte möglichst spontan und aus dem Bauch heraus. Vielleicht helfen dir ja deine Erfahrungen aus der Seminararbetszeit bei der Beantwortung.

1. Wie gehst du mit Motivationstiefs um?
A) Ich habe genug intrinsische Motivation um selbst wieder reinzufinden
B) Ich brauche einen kleinen Impuls von außen
C) Ich baue eine innere Hürde auf und breche extrinsische Motivation

2. Wie gehst du mit Unsicherheiten um?
A) Gut – sie kurbelt meinen Selbstanspruch an
B) Ich halte sie aus, brauche aber ab und zu Bestätigung oder einen Denkansatz
C) Unsicherheiten hemmen mich und sorgen für (Schreib-)blockaden

3. Wie wichtig ist dir Bestätigung, dass dein Ansatz „richtig“ ist?
A) Eher unwichtig
B) Wichtig, aber nur bei grundsätzlichen Entscheidungen
C) Sehr wichtig

4. Wie gehst du mit widersprüchlichen Meinungen zu einer Entscheidung um?
A) Ich bleibe bei meiner Ansicht
B) Ich erwäge die andere Meinung und entscheide mich für das, was im am sinnvollsten finde
C) Ich brauche eine Zweitmeinung, um nicht verunsichert zu sein

5. Wie wichtig ist dir regelmäßiges Feedback?
A) Nicht wichtig. Ich arbeite lieber frei und ungestört von Meinungen anderer
B) Wichtig, aber entscheidend ist, dass ich für die zentralen Punkten Feedback bekomme
C) Regelmäßiges Feedback ist mir sehr wichtig bei allen Schritten

6. Wie wichtig ist dir Erreichbarkeit der Betreuungsperson?
A) Lege ich kaum wert drauf. Hauptsache eine Rückmeldung kommt noch innerhalb des Quartals
B) Eine zeitnahe Rückmeldung und Möglichkeit für Gespräche ist mir wichtig
C) Eine Rückmeldung möglichst noch am selben Tag ist für meine Weiterarbeit zentral

Auswertung

Überwiegend A:
Du arbeitest gern möglichst frei und selbstständig. Meinungen von außen hemmen dich eher. Zu dir passt eine „zurückhaltende“ Betreuung vermutlich am besten.

Überwiegend B:
Du brauchst sowohl deine Freiheiten, als auch eine lenkende Hand an den richtigen Stellen. Eine „strukturierte“ Betreuung dürfte für dich passen.

Überwiegend C:
Du bist von zu viel Freiheit überfordert, brauchst viel Feedback und Rückversicherung. Deshalb scheint ein „engmaschiges“ Betreuungsmodell dich am effektivsten zu unterstützen.

Fazit

Es gibt nicht das eine Betreuungsmodell, sondern es sollte auf dich und deine Bedürfnisse zugeschnitten sein. Meist lässt sich das, worauf man Wert legt, erst während der Promotionszeit so wirklich benennen. Doch auch dann kannst du mit deiner gewählten Betreuungsperson noch besprechen, wie du dir die Betreuung vorstellst und ob nicht etwas abgeändert werden kann. Die Promotion ist ein individueller Prozess, der von Wandel und Entwicklung geprägt ist. Scheue dich daher nicht, Wünsche anzusprechen.

Wir freuen uns über deine Erfahrungen und Ergebnisse des Selbsttest auf Insta @goldwaage.jura.

Reality Check: So ist das Referendariat wirklich – 7 (traurige) Erkenntnisse

Unsere Autorin Stine hat im letzten Jahr ihr Referendariat begonnen und schnell gemerkt: Vorstellung und Realität liegen weit auseinander. In diesem Beitrag teilt sie ihre wichtigsten Erfahrungen.

Wer hat vor dem ersten juristischen Staatsexamen nicht von einer besseren Zeit danach geträumt? Und wer hat sich dabei keine Illusionen über das juristische Referendariat gemacht? Mir ging es zumindest so. Wie oft habe ich mich bei dem Gedanken erwischt: „Wenn ich bloß schon im Referendariat wäre.“ 

Dass man in jeder Lebensphase falschen Vorstellungen über den kommenden Abschnitt unterliegt, zeigen meine Top 7 der Illusionen über das Referendariat. 

1. Struktur

Endlich eine feste Struktur, richtig arbeiten, konkrete Ziele haben, die nicht in weiter zeitlicher Ferne liegen – all das habe ich mir unter dem Referendariat vorgestellt. 

Leider ist diese Struktur auf ebenso morschen Pfeilern errichtet wie die im Studium. Der eigene Zeitplan hängt von so vielen anderen Personen ab, dass Termine überaus häufig kurzfristig abgesagt oder verschoben werden. 

Besonders deutlich zeigt sich das bei der Urlaubsplanung. Eigentlich muss der Urlaubsplan spätestens zwei Wochen vor Antritt abgesegnet werden. Aber die zustimmungsberechtigten Personen stehen jedoch teilweise noch zwei Wochen vor Beginn eines neuen Ausbildungsabschnitts nicht fest. Ich bin gespannt, ob mein Skiurlaub dieses Jahr ohne mich stattfinden muss. 

2. Zukunftsplan statt Orientierungslosigkeit

In meiner Vorstellung würde mir im Referendariat mein Berufswunsch klar werden und damit auch das Ziel, auf das ich hinarbeite. Tatsächlich wird jedoch vor allem immer deutlicher, was ich nicht machen möchte. Nach dem großen Traum suche ich noch. Immerhin setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass ein Beruf, der einen vollumfänglich erfüllt, vermutlich nicht existiert.

3. Expertise nach dem ersten Staatsexamen

Man fühlt sich auch nach dem ersten Staatsexamen noch unwissend und hilflos. Das große Selbstbewusstsein kam mit dem Abschluss nicht und auch die Erleuchtung blieb aus. Bleibt zu hoffen, dass beides spätestens mit dem 2. Staatsexamen eintritt.

4. Spannende Fälle

Aus dem Klausurenkurs zum ersten Staatsexamen ist mir ein Fall besonders in Erinnerung geblieben, in dem es um die Erstattung eines Salates ging. Der Streitwert belief sich auf unter 10 € und es drängte sich die Frage auf „Dafür habe ich wirklich Jura studiert?“

Heute kann ich sagen: Ja! 

Zwar sind die Beträge vor dem Zivilgericht selten so gering, von Spannung ist aber trotzdem oft keine Rede. So manches Mal wünscht man sich, die Parteien hätten einmal miteinander telefoniert. 

5. Freizeit

Wohl mein größter Trugschluss. In meiner Vorstellung existierten feste Arbeitszeiten und damit ein Feierabend. Kein schlechtes Gewissen mehr, wenn man vor 20 Uhr die Bibliothek verlässt. 

Tja. Feste Arbeitszeiten gibt es nicht. Das schlechte Gewissen bleibt. Hinzu kommt die Doppelbelastung durch ständige praktische Einarbeitung in neue Rechtsgebiete und gleichzeitiger Vorbereitung auf das zweite juristische Staatsexamen. 

6. Persönliche Betreuung statt Anonymität

In meiner Vorstellung herrschte im Referendariat ein kollegiales Verhältnis zu den Lehrenden und Betreuenden mit individueller Unterstützung. dass diese Vorstellung so abwegig wie absurd ist, ist mir inzwischen aufgefallen. 

Die Anonymität im Studium hatte den Vorteil, dass man sich hinter ihr verstecken konnte. Die Scham bei einer schlechten Klausurlösung hielt sich in Grenzen. Nun haben die Bewertenden meistens ein Gesicht zu den abstrusen Rechtsansichten und in Eile formulierten Sätzen. 

7. Vergütung

Die Vergütung im juristischen Referendariat ist in einigen Bundesländern objektiv gesehen gar nicht so schlecht. Trotzdem bleibt dieses unterschwellige Gefühl, für das bereits Erreichte unfair bezahlt zu werden. 

So richtig beschreiben lässt sich dieses Gefühl nicht. Aber mit abgeschlossenem ersten Staatsexamen knapp über der Armutsgrenze1 zu leben, fühlt sich falsch an. So mancher Verwandte würde das mit dem Satz abtun: „Du leistest doch auch nichts.“ Wie falsch das ist, wissen angehende JuristInnen nur zu gut.


Die Liste ließe sich problemlos fortführen. Aber ich möchte niemanden davon abhalten, weiterhin von einer besseren Zukunft zu träumen! 

Diese Träume und Fehlvorstellungen erleichtern schließlich das Durchhalten. 

Hinweis: Dieser Beitrag ist bewusst etwas überspitzt dargestellt. In keinem Fall sollen Probleme und Sorgen verschiedener Lebensabschnitte gegeneinander aufgewogen oder verglichen werden. Vielmehr dient das Gesagte der Unterhaltung. 

Denn wie oft habe ich inzwischen den Gedanken: „Wenn ich doch bloß schon arbeiten würde.“ Dass mit dem Berufseinstieg ebenfalls nicht alle Sorgen wie weggeblasen sind, ist mir realistisch betrachtet mehr als bewusst. 


Welche Illusionen über das juristische Referendariat hattet ihr? Ich freue mich über eure Gedanken und Erfahrungen.

Mehr Einblicke rund um Studium, Referendariat und juristische Realität teilen wir auch auf Instagram unter Goldwaage.


  1. Sozialverband VdK Deutschland e.V.,https://www.vdk.de/aktuelles/aktuelle-meldungen/artikel/viele-menschen-rutschen-unter-die-armutsgrenze-armutsbericht/, zuletzt aufgerufen: 29.12.2025. ↩︎

Online Jobsuche als JuristIn – Das solltest du wissen

Lange Anschreiben und die Bewerbung persönlich im Büro abgeben war gestern – denn heute läuft der Bewerbungsprozess digital. Unser Autor Robert hat in diesem Post die wichtigsten Erkenntnisse dazu gesammelt.

Digitale Jobvermittlungsportale dürften zumindest für die Privatwirtschaft mittlerweile die relevanteste Quelle an Karrieremöglichkeiten sein.
Während früher Initiativbewerbungen, Kanzleirankings und persönliche Netzwerke aus Referendariat und Praktika dominierten, versprechen spezialisierte Plattformen eine schnelle, transparente und passgenaue Vermittlung zwischen Juristen und Arbeitgebern.

Besonders für Studierende, Referendare und Berufseinsteiger ohne große Netzwerke oder mit spezifischen Wünschen wirken diese Portale attraktiv: wenig Aufwand und gleichzeitig hohe Reichweite. Doch gerade diese Standardisierung bringt nicht nur Vorteile mit sich. Im Folgenden möchte ich die Chancen und Funktionsweisen, aber auch die systemischen Schwächen juristischer Jobvermittlungsportale beleuchten, exemplarisch anhand von Legalhead, Clavisto sowie dem LTO/dejure-Jobportal.

1. Die Grundidee: Effizienz durch Standardisierung

Allen genannten Portalen liegt ein ähnliches Konzept zugrunde:
Bewerber erstellen ein (mehr oder weniger) standardisiertes Profil, hinterlegen Noten, Schwerpunkte, Berufserfahrung, Gehaltsvorstellungen und gewünschte Arbeitsmodelle (Wissenschaftliche Mitarbeit, Referendariat, Associate. Arbeitgeber wiederum stellen Suchprofile ein oder erhalten Zugriff auf Kandidatenpools.

  • Legalhead setzt stark auf einen Matching-Algorithmus, bei dem (ähnlich wie Tinder) Bewerber und Arbeitgeberin ohne Kenntnis des anderen gegenseitig Interesse bekunden können. Bei einem Match wird dann, auch seitens der Mitarbeitenden von Legalhead, auf eine Kontaktaufnahme hingewirkt. Bewerber können sich mit wenigen Klicks auf mehrere Stellen gleichzeitig bewerben, allerdings filtern etwa Noten oder Gehaltsbenchmarks beidseitig so vor, dass man nur einen Ausschnitt des Arbeitsmarktes überhaupt angezeigt bekommt.
  • Clavisto positioniert sich elitärer, man muss sich bereits bewerben um auf das Portal zu kommen. Es kombiniert digitale Profile ggf. ebenfalls mit individueller Beratung und versteht sich stärker als klassischer Headhunter für Großkanzleien, die mit exklusiven Events werben. Persönlich kann ich sagen, dass gerade wenn man außerhalb der klassischen Ballungszentren sucht, wenig außer Workshops bei Großkanzleien zustande kam und die entsprechenden Stellen meist auch öffentlich ausgeschrieben sind.
  • Das LTO/dejure-Portal fungiert primär als spezialisierte juristische Stellenbörse mit hoher Reichweite, redaktionellem Umfeld und klassischem Bewerbungsprozess über Anzeigen. Auch hier kannst du dich schnell mit einem standardisierten Profil über die Plattform bewerben. Meines Erachtens nach ist es der größte öffentliche juristische Stellenmarkt, bei dem auch kleinere Kanzleien und Behörden vertreten sind.

2. Chancen für Bewerber: Sichtbarkeit und Marktüberblick

Gerade für junge Juristinnen und Juristen bieten diese Plattformen reale Vorteile:

  • Niedrige Einstiegshürde: Ein einmal gepflegtes Profil kann für zahlreiche Bewerbungen genutzt werden. Oft wird kein Anschreiben mehr erwartet oder ist technisch vorgesehen, gerade bei Legalhead. Das spart wirklich Zeit, verkürzt aber auch ggf. eine tiefere Auseinandersetzung mit Eigenheiten des jeweiligen Arbeitgebers.
  • Der mögliche Vergleich von Gehaltsangaben, Standortvergleiche und Tätigkeitsprofile helfen bei der realistischen Einschätzung des Arbeitsmarktes. Allerdings sind einige Stellenbeschreibungen oft etwas schwammig, sodass man die jeweiligen Feinheiten weiterhin in einem persönlichen Gespräch ausarbeiten muss. Gerade bei „nischigen“ Interessen ist es jedoch spannend zu sehen, wo überhaupt entsprechende Möglichkeiten sind.
  • Diskretion: Anonymität ermöglicht es, sich umzusehen, ohne sofort sichtbar den Arbeitgeber wechseln zu wollen. Möglicherweise auch nur, um sich für die nächsten Gehaltsverhandlungen beim alten Arbeitgeber zu wappnen.

Nicht zu unterschätzen ist zudem der psychologische Effekt: Viele Bewerber empfinden es als motivierend, aktiv „gefunden“ zu werden, statt ausschließlich Absagen auf klassische Bewerbungen zu erhalten. Denn mitunter schreiben auch rekrutierende Arbeitgeber interessante Profile an.

3. Objektifizierung – Noten rein, Persönlichkeit raus?

Die Kehrseite dieser Effizienz ist jedoch offensichtlich. Die meisten Portale reduzieren Bewerber faktisch auf harte Parameter:

  • Examensnoten
  • Berufsjahre
  • Gehaltsvorstellungen
  • Arbeitszeitmodelle

Was dabei häufig verloren geht, ist das, was juristische Arbeit im Alltag tatsächlich prägt: Persönlichkeit, Arbeitsstil, Motivation, Teamfähigkeit, Interessen jenseits des Lebenslaufs. Denn die meisten juristischen Berufe sind immer noch Tätigkeiten mit Menschen.

Standardisierte Bewerbungsformulare lassen kaum Raum, um Werdegänge zu erklären, Brüche einzuordnen oder Entwicklungspotenziale sichtbar zu machen. Wer nicht in das Raster „gute Noten und stringenter Lebenslauf“ passt, wird möglicherweise algorithmisch aussortiert.

Leider selbst, wenn er oder sie fachlich und menschlich hervorragend geeignet wäre. Gerade das Anschreiben, oder auch der Text in der ersten Email oder über einen persönlichen Kontakt bieten Potential, spannende Aspekte und die eigene Motivation für die Stelle mehr herauszustellen. Dies setzt natürlich voraus, das tatsächlich ein menschlicher Entscheider deine Bewerbung zur Vorauswahl in den Händen hält.

Gerade Studierende und Referendare mit nicht-linearen Lebensläufen laufen hier Gefahr, strukturell benachteiligt zu werden. Dies spiegelt aber meines Erachtens auch das Rekrutierungsverhalten der Großkanzleien wieder: Diese haben aufgrund der erheblichen Größe der Abteilungen und dem Arbeitsalltag, den wenige auf Dauer machen wollen, einen erheblichen Personaldurchsatz. Hier geht es nicht darum, den nächsten Topanwalt aufzubauen, sondern auf die Lücken im Team für einige Zeit mit jungen Juristen zu füllen, die schnell gut mitarbeiten können.

4. Arbeitgeber im Gegenzug: Reduktion auf Gehalt und Prestige

Auch Arbeitgeber werden aber durch diese Plattformlogik vereinfacht dargestellt. Kanzleien und Unternehmen konkurrieren primär über:

  • Gehaltsbandbreiten
  • Arbeitszeitmodelle
  • Standort
  • Kanzleigröße oder „Markenname“

Was oft untergeht, sind Arbeitsatmosphäre, Ausbildungsqualität, Mandatsstruktur, Führungsstil oder reale Entwicklungschancen. Besonders kleinere Kanzleien, Boutiquen oder spezialisierte Nischenarbeitgeber haben es schwerer, sich in diesen Portalen sichtbar zu machen. Selbst wenn sie fachlich hochattraktive Tätigkeiten bieten.

Zugegeben, dieses Problem auch besteht nicht erst seit es digitale Jobportale gibt. Letztlich musste man auch früher nach Stellenanzeigen etwa in der NJW im Einzelfall herausfinden ob man sozial zu dem Arbeitgeber passt. Allerdings hat der Ruf der Großkanzleien oft einen wahren Kern, während es schwierig ist bei kleineren Einheiten verlässliche Quellen zu finden. Und auch wenn der Jobmarkt riesig scheint: Wer hat schon Interesse, parallel bei 10 verschiedenen Arbeitsplätzen die entsprechenden kulturellen Eigenheiten zu erfragen?

Die Folge ist also oft eine Überrepräsentation großer Einheiten auf den entsprechenden Portalen, die teilweise die gleiche Stelle auch an mehreren Standorten in Deutschland ausschreiben und so eher gefunden werden als die Kanzlei im Mittelzentrum, das man eher herausfiltert.

6. Fazit: Nützliches Werkzeug, aber kein Ersatz für Eigeninitiative

Jobvermittlungsportale für Juristen sind weder Heilsbringer noch Teufelszeug. Sie sind effizient, bequem und hilfreich, wenn man ihre Grenzen kennt und sich bewusst ist, dass es auch noch die „klassischen“ Bewerbungswege gibt.

Wer sie aber nutzt, sollte:

  • sie ergänzend, nicht ausschließlich einsetzen,
  • klassische Bewerbungen und Netzwerke nicht vernachlässigen,
  • sich der eigenen Reduktion auf Kennzahlen bewusst sein (gerade wenn man nicht mit Prädikatsexamina aufwarten kann),
  • und Portalergebnisse nicht mit objektiven Wahrheiten verwechseln. Oft hilft ein Blick über den Tellerrand.

Denn juristische Karrieren lassen sich nicht vollständig algorithmisieren. Persönlichkeit, Haltung und Entwicklungspotenzial passen selten in Drop-down-Menüs – spielen in der Praxis aber eine entscheidende Rolle.

Gerade deshalb gilt: Plattform nutzen, aber Profil behalten und Chancen nutzen, wo Sie sich bieten.

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