Wie viele Stunden solltest du im Jurastudium täglich lernen? (Und wie viel ist zu viel?)

Kaum ein Thema ist umstrittener im Studium: Wie viel Zeit sollte man mit lernen verbringen? Und wie viel ist zu wenig? Unsere Autorin Stine geht in diesem Beitrag den Mythen rund um die richte Lernzeit auf den Grund.

Du kennst ihn doch auch. Diesen einen Typen in der Bib. 

Er sitzt schon da, wenn du kommst. Und ist immer noch da, wenn du gehst.

Aber du bist nach 5 Stunden nicht mehr wirklich aufnahmefähig. Ganz egal, wie wichtig die kommende Prüfung oder das Examen ist.

Spoiler: Das ist ganz normal.

Photo by cottonbro studio on Pexels.com

Und der eine Typ in der Bib kämpft höchstwahrscheinlich mit dem gleichen Problem, würde es nur nie zugeben.

Daher stellt sich die Frage: Wie viel Lernzeit ist wirklich effektiv?

Irgendwann ist die Aufnahmekapazität einfach aufgebraucht. Und zwar nicht nach 12 Stunden, sondern bei den meisten deutlich früher. 

Allgemeingültige Aussagen lassen sich zwar nicht treffen, aber Forschungen zur Lern- und Aufmerksamkeitsleistung deuten darauf hin, dass eine effektive Lernzeit bei einem durchschnittlichen Menschen eher im Bereich von 4 bis 6 Stunden netto pro Tag liegt.

Warum nur vier bis sechs Stunden?

Das hat unter anderem einen biologischen Hintergrund. Das menschliche Gehirn arbeitet nicht linear, sondern unterliegt natürlichen Schwankungen in Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit.

In der Psychologie spricht man von kognitiver Ermüdung. Ein Zustand, in dem deine mentale Leistungsfähigkeit messbar sinkt.

Mehr Zeit bedeutet also nicht automatisch mehr Wissen. Oft bedeutet es einfach nur, dass du länger arbeitest, aber weniger effizient aufnimmst.

Je anspruchsvoller die Aufgabe, desto schneller tritt dieser Effekt ein. Das Wiederholen von Karteikarten ermüdet also weniger stark als das Erarbeiten von neuem Stoff. Das sollte man bei seiner Zeitplanung immer beachten. 

Was wirklich funktioniert

Viel wichtiger als die Lernzeit ist das Wie des Lernens.

Forschende zeigen, dass bewusstes, fokussiertes Üben in klar abgegrenzten Zeitblöcken deutlich effektiver ist als stundenlanges, halbkonzentriertes Arbeiten.

Auch aus der Forschung des Psychologen Anders Ericsson wird deutlich, dass hohe Leistungsfähigkeit vor allem durch gezieltes, strukturiertes Training entsteht, nicht durch möglichst lange Anwesenheit am Schreibtisch.

Pausen sind kein Luxus

Pausen fühlen sich oft wie verlorene Zeit an.

Sind sie aber nicht!

Studien zeigen, dass das Gehirn Informationen gerade in Ruhephasen verarbeitet und festigt. Ohne Pausen sinkt daher nicht nur die Konzentration und Motivation, sondern auch die langfristige Speicherung im Gedächtnis, also genau das, worauf es in Prüfungen und letztlich dem Examen ankommt.

Stunden zählen bringt wenig

Daraus folgt, dass das reine Zählen von Lernstunden nur bedingt aussagekräftig ist und in vielen Fällen sogar kontraproduktiv sein kann.

Entscheidend ist nicht die Quantität der Zeit, sondern die Qualität der kognitiven Verarbeitung innerhalb dieser Zeit.

Sinnvoller ist es daher, in klar definierten Lernintervallen zu arbeiten, insbesondere für Aufgaben mit offenem Ende. Methoden wie die Pomodoro-Technik sind so beliebt, weil sie Struktur, Fokus und regelmäßige Pausen fördern. Bei dieser Technik lernst du in festen Intervallen, beispielsweise 25 Minuten und machst im Anschluss fünf Minuten Pause.

Realistisch planen statt vergleichen

Um effektiv zu lernen, ist es von zentraler Bedeutung, die eigene kognitive Leistungsfähigkeit realistisch einzuschätzen. e

Nur wenn du weißt, wo deine individuelle Aufnahmekapazität liegt, kannst du deine Lernzeit sinnvoll strukturieren.

Auch der Vergleich mit anderen bringt selten viel. Von außen lässt sich nicht beurteilen, ob tatsächlich produktiv gearbeitet wird oder ob lediglich Zeit verbracht wird. Außerdem ist jeder Mensch individuell, für alle funktioniert etwas anderes am besten. 

Fazit

Effektives Lernen bedeutet nicht, möglichst lange durchzuhalten. Es heißt die eigene Energie sinnvoll einzusetzen. 

Gerade für das 1. Staatsexamen muss das Erlernte auch im Langzeitgedächtnis bleiben, abgesessene Stunden reichen also nicht. Durchgemachte Nächte funktionieren also spätestens in der Examensvorbereitung nicht mehr. 

Also organisiere deine Lernalltage anhand deiner individuellen Möglichkeiten und lass dich nicht beirren von dem Typen der vielleicht auch einfach seit acht Stunden Block Blast spielt.

Wie gehst du mit langen Lerntagen um?

Was funktioniert bei dir und was gar nicht?

Für mehr Lerntipps und Erfahrungen rund ums Studium, Referendariat und den Berufsalltag folge @goldwaage auf Instagram.


Ericsson, K. A., Krampe, R. T., & Tesch-Römer, C. (1993). The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance. Psychological Review.

Pashler, H. et al. (2007). Organizing Instruction and Study to Improve Student Learning. Psychological Science in the Public Interest.

Boksem, M. A. S., & Tops, M. (2008). Mental fatigue: costs and benefits. Brain Research Reviews.

Cepeda, N. J. et al. (2006). Distributed Practice in Verbal Recall Tasks. Psychological Bulletin.

Eine Woche im Leben einer Referendarin: Strafrecht, Stress und Sitzungsdienst

Wie viele Zeit bleibt im Referendariat für die Vorbereitung auf das zweite Staatsexamen? Die kurze Antwort: meistens wenig. In diesem Beitrag berichtet unsere Autorin Stine über Ihre Erfahrungen, Referendariat, Lernzeiten und Alltag unter einen Hut zu bringen.

Die schriftlichen Prüfungen des zweiten Staatsexamens liegen noch ein bisschen weiter in der Zukunft als der Start des Referendariats her ist. Ein Tipp, den ich jedoch ständig zu hören bekomme ist: „Schreiben Sie Klausuren.“ 

Aber schafft man das mitten im Referendariat überhaupt? Und wie schlecht ist eigentlich das Gewissen, wenn man es nicht schafft?

Um das aufzuklären, nehme ich euch mit durch eine Woche in meiner Strafrechtsstation. 

Eine typische Woche in der Strafrechtsstation

Ganz so typisch ist die Woche nicht, wenn man im Referendariat, denn von „typisch“ sprechen kann. Meistens gleicht keine der anderen. Diese ist allerdings doch eher voll, das liegt unter anderem am zusätzlichen Sitzungsdienst. Aber je nachdem wo du dein Referendariat absolvierst, kommt der häufiger auf dich zu.

Montag

Erstmal langsam in der Woche ankommen. Es gibt sicher ReferendarInnen die stets strikt einem Lernplan folgen und so jede Sekunde effizient nutzen. Ich bin diese Referendarin leider nicht und deshalb nach sieben Monaten noch immer genauso unstrukturiert wie zu Beginn. 

An terminlosen Tagen widme ich mich meistens der Aufgabe meines betreuenden Staatsanwalts. Dabei mache ich mir leider noch immer, viel zu viele Gedanken. Ich muss mir jedes Mal aktiv in den Kopf rufen, dass es am Ende um ein Stationszeugnis geht, das wenig Bedeutung hat. Natürlich kann man an den Aufgaben vom Ausbilder sehr gut die Formalien üben, aber bestehen wird man das zweite Staatsexamen nur damit nicht. 

Danach musste ich den Sitzungsdienst vorbereiten. Die Angst, sich zu blamieren, ist riesig. Also habe ich mir für jeden erdenklichen Ausgang Vorlagen gebastelt.

Das Ganze geht bestimmt auch viel schneller, aber die Unerfahrenheit drängt zur Perfektion. 

Dienstag

Der Dienstag ist weiterhin geprägt von der Vorbereitung auf den Sitzungsdienst am Mittwoch. Ich hole meine Robe ab, gehe mein Plädoyer nochmal durch. Als Mensch mit ausgeprägter Aufregung ist das kein besonders produktiver Tag. 

Wenn ich das bis mittags geschafft habe, bleibt der Nachmittag zum Lernen. Ich versuche dann, stationsfremde Rechtsgebiete zu wiederholen, um nicht alles zu vergessen. Wenn ich ehrlich bin, suche ich immer noch nach einem guten Plan. Anders als fürs erste Examen gibt es gefühlt weniger durchstrukturierte Materialien. Und auch Lerngruppen sind schwierig – allein schon die Terminfindung ist bei den unterschiedlichen Wochen aller Mitreferendare ein kleines Projekt für sich.

Mittwoch

Der Tag des Sitzungsdienstes. Heute muss ich nur einen Fall bearbeiten. An anderen Tagen können es aber auch vier sein. Dann sitzt man schnell bis 14 oder 15 Uhr da. 

Es folgt die Nachbesprechung mit dem betreuenden Staatsanwalt.

Im Anschluss bin ich damit beschäftigt, meine Nervosität abzuschütteln. An effektives Lernen ist für mich nicht zu denken. 

Donnerstag

Der Donnerstag bringt diese Woche auch etwas Neues. Als Referendarin in der Staatsanwaltsstation stehen zahlreiche interessante Punkte auf dem Programm, die man ansonsten niemals miterleben dürfte. Heute nehme ich an einer Obduktion teil. Superspannend, aber ebenfalls zumindest den halben Tag ausfüllend. 

Freitag

Freitags ist AG. Meine StrafrechtsAG ist wirklich hilfreich und sehr examensorientiert. Dafür beansprucht sie aber ihre Zeit. Aber immerhin gehe ich mit dem Gefühl raus, wirklich etwas gemacht zu haben. Das ist leider nicht bei jeder AG der Fall ;).

Wann bleibt Zeit fürs Klausuren schreiben im Referendariat?

Es bleibt also, wie auch schon im Studium, meistens der Samstag. 

Unter der Woche fünf Stunden freizuräumen ist bei all den Terminen und Eindrücken einfach schwierig. 

Ich schaffe es momentan nicht, jedes Wochenende auf einen freien Tag zusätzlich zu verzichten – steckt mir der Verzicht aus dem Ersten Examen doch noch spürbar in den Knochen. Früher oder später muss ich wohl in den sauren Apfel beißen. Bis dahin nehme ich mir jede Woche fest vor, diesmal wirklich eine Klausur zu schreiben.

Und manchmal klappt es sogar.

Bis ich meine Routine gefunden habe, halte ich mich an einen simplen Ansatz, mich möglichst wenig mit anderen zu vergleichen. 

Das funktioniert mal besser, mal schlechter.

Am meisten hilft mir tatsächlich, mit anderen Mitleidenden über die Situation herzuziehen. Dabei wird einem sehr bewusst, dass man nicht allein ist. 

Ich merke jedenfalls, dass die Zeit im juristischen Referendariat auch so schon schnell genug vergeht. Die muss ich nicht noch zusätzlich damit verbringen, mir ein schlechtes Gewissen einzureden.

 Mal sehen was zuerst kommt: die Routine oder das Examen. 

Wie läuft es bei euch? Teilt eure Erfahrungen aus Studium, Referendariat und Arbeitsleben mit uns.

Für mehr Einblicke folgt uns auf Instagram @Goldwaage