Mein Vormittag im Gefängnis

Heute, an einem Freitagmorgen, klingelt mein Wecker um 05:45 Uhr. Eigentlich stehe ich nie so früh auf, aber heute lag ich schon seit 04:00 Uhr wach im Bett.

Heute geht es zum ersten Mal in eine JVA für mich.

Der Strafverteidiger, bei dem ich mein Praktikum mache, hatte mich im Vorfeld extra im Gefängnis anmelden müssen. „Einfach so mitzukommen“ ist bei den strengen Sicherheitsvorkehrungen kaum möglich.

Um 07:00 Uhr morgens treffen wir uns vor der Kanzlei und fahren los: etwa zwei Stunden dauert die Fahrt in die Justizvollzugsanstalt. Pünktlich um 09:00 Uhr sind wir da und laufen zum Eingang – der Strafverteidiger tiefenentspannt und ich sichtlich nervös. Von außen ist die JVA fast unscheinbar. Wäre ich hier lediglich vorbeigefahren, hätte ich die hohen weißen Mauern vielleicht noch für einen Fabrikkomplex gehalten. Erst als wir auf dem Innenhof sind, sehe ich auch stellenweise Stacheldrahtzaun, der über den Mauern gespannt ist.

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Angekommen im Empfangsraum geben wir erst einmal unsere Ausweise ab. Wir erhalten ein Besucherkärtchen und einen Schlüssel für unseren Spind. Ein Justizvollzugsbeamter führt uns in den nächsten Raum, in dem wir die Gelegenheit haben, unsere Taschen in den Spind zu legen. Alle unsere Wertsachen, Schmuck und den Inhalt unserer Taschen füllen wir in einen blauen Korb. Danach werden wir einzeln in einen Raum geführt, in dem ein Ganzkörper-Metalldetektor steht. Ich muss meine Schuhe ausziehen, auf die gelb markierten Flächen im Detektor treten und meine Arme heben. Meine Schuhe werden durchsucht und der Inhalt meiner Taschen wird begutachtet.

Wir werden in den nächsten Gebäudekomplex geführt und mein erster Eindruck des Besuchergebäudes ist, dass es mich an ein Kinderkrankenhaus erinnert. Es riecht gut hier, irgendwie sauber; die Wände sind orange gestrichen und mit farbenfrohen Bildern bedeckt. So habe ich es mir hier nicht vorgestellt. Der Beamte öffnet jede Tür und verschließt jede Tür einzeln und wir werden in einen engen Korridor geführt. Vor dem Besprechungsraum schaue ich durch die Tür hinein und denke: „Jetzt geht es also los“. Wegen der Infektionsgefahr erhalten wir keinen offenen Besprechungsraum, sondern einen, in dem der Mandant uns hinter einer Glasscheibe gegenübersitzen wird.

Der Besprechungsraum beinhaltet auf unserer Seite einen kleinen Raum mit einem Tisch und drei Stühlen. Auf der anderen Seite der Glasscheibe ist der Raum des Mandanten. Zur Verständigung gibt es eine Gegensprechanlage, die von allein funktioniert, also ohne einen Knopf beim Sprechen drücken zu müssen.

„Unser“ Mandant ist noch nicht da, deshalb setzen wir uns und warten. Währenddessen schaut sich der Strafverteidiger noch einmal die Akte an und geht Zeugenaussagen durch. Der Vorwurf an unseren Mandanten wiegt relativ schwer. Aufgrund der hohen Straferwartung (über drei Jahre) und der daher vermuteten Fluchtgefahr nach § 112 II Nr. 2 StPO sitzt er nun in U-Haft. Ich höre den Mandanten, noch bevor ich ihn tatsächlich sehe. Das Geräusch von Fußfesseln, die über den Boden schleifen, höre ich zum ersten Mal, aber kann es dennoch direkt zuordnen. Er tritt hinein und setzt sich. Er ist groß, breit gebaut, tätowiert und trägt einen dunkelblauen Gefängnisanzug. Sein Aussehen wirkt respekteinflößend auf mich. In den folgenden anderthalb Stunden geht der Strafverteidiger mit ihm die Akte durch, liest ihm die Zeugenaussagen vor, zeigt ihm die Bildbände der Polizei und bespricht den bevorstehenden Gerichtstermin. Der Mandant sieht abgeschlagen und erschöpft aus. Ich merke ihm an, dass er jetzt gerne woanders wäre. Er ist sehr freundlich, aufgeschlossen und respektvoll. Ich merke, dass ich will, dass ihm geholfen wird und sage zum Abschluss ein paar aufmunternde Worte. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass er jetzt ein wenig Menschlichkeit gebrauchen könnte – jemanden, der ihn nicht behandelt wie einen gefesselten Kriminellen, sondern wie einen ganz normalen Menschen, der sich in einer misslichen Lage befindet. Ob er das, was ihm vorgeworfen wird, tatsächlich getan hat, weiß ich nicht und vielleicht wird sich das beim Gerichtstermin auch nicht zweifelsfrei bestätigen oder dementieren lassen.

Während ich im Besprechungsraum sitze, sehe ich andere Häftlinge mit Handschellen vor dem Raum entlanggehen, vermutlich auch zu Terminen mit ihren AnwältInnen. Einige sind noch sehr jung und schauen mich im Vorbeigehen durch das Sichtfenster in der Tür an. Wir verabschieden und von dem Mandanten und werden auf exakt demselben Weg wieder hinausgeleitet. Dadurch, dass es so viele Gebäudekomplexe gibt, kommt man als Besucher gar nicht dazu, den Zellentrakt oder den Hof der Häftlinge zu sehen. Dass man nicht in Ruhe herumspazieren und sich umschauen darf, ist ja klar.

Am Eingang erhalte ich meinen Personalausweis zurück und gehe durch das Tor an die frische Luft. Ich muss erstmal tief durchatmen und fühle mich befreit. Auf der Rückfahrt denke ich unentwegt an unseren Mandanten: wie er jetzt zurückgeführt wurde und was wohl beim Gerichtstermin passieren würde. Es sind eine Menge Zeugen und Zeuginnen geladen, daher wird es wohl eine lange Verhandlung. An das Opfer denke ich eher weniger – vielleicht, weil ich doch unserem Mandanten glaube und nicht davon ausgehe, dass die ihm vorgeworfene Tat auch wirklich in der Form stattgefunden hat. Ich merke, wie schwer es mir fällt, eine professionelle Distanz zu halten, weil ich noch so sehr unter dem bedrückten Eindruck stehe, den der Mandant auf mich gemacht hat.

Im Verlauf der Fahrt stelle ich fest, dass mich dieser Tag heute wohl noch länger beschäftigen wird. Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf die bevorstehende Verhandlung und hoffe, dass dort viele der offenen Fragen, die geblieben sind, noch beantwortet werden können.

Wie ich eine Hausarbeit innerhalb von 10 Tagen geschrieben habe

Meine Last-Minute-Tipps, wenn die Zeit drängt

Vielleicht warst du schon einmal in der Situation, dass nicht mehr viel Zeit bis zur Abgabe einer Hausarbeit blieb, du aber unbedingt noch mitschreiben wolltest (oder musstest).

In genau dieser Lage habe ich mich in den letzten Semesterferien auch befunden. Ich konnte krankheitsbedingt eine Klausur nicht mitschreiben und musste sie zum Ende der Semesterferien nachschreiben. Nach einer kurzen Regenerationsphase blieb etwas mehr als eine Woche für die Hausarbeit für Vorgerückte in Strafrecht übrig. Diese Zeit habe ich dann vollumfänglich genutzt und – der Transparenz halber – am Ende 6 Punkte erhalten.

Hier sind meine Last-Minute-Tipps für deine Hausarbeit:

Disclaimer: Falls du wenig bis gar kein Vorwissen auf dem Rechtsgebiet besitzt, würde ich dir eher raten, in den nächsten Semesterferien stattdessen zwei Hausarbeiten zu schreiben und dir jetzt die Zeit zu nehmen, überhaupt in das Thema einzusteigen und erst einmal für die Klausuren zu lernen. Falls du jedoch schon einen groben Überblick hast und es dir zutraust: go for it!

  1. Suche dir Hilfe

Dieser Punkt ist keinesfalls ironisch gemeint: Suche dir fremde Hilfe. Zuallererst habe ich sehr viel moralische Unterstützung und Motivation von meinem Umfeld erhalten. Meine FreundInnen haben mir versichert, dass ich die Hausarbeit noch schaffen kann und ich die Zeit trotz dessen, dass ich ziemlich erschöpft war, noch nutzen soll. Außerdem haben mir KommilitonInnen angeboten, bei Nachfragen erreichbar zu sein und meine Hausarbeit auf Rechtschreibfehler etc. zu korrigieren. Ohne diese Unterstützung hätte ich es alleine vermutlich entweder gar nicht oder nur sehr knapp geschafft. Außerdem hat mir die Studierendenplattform Jodel auch ein wenig weitergeholfen, da ich dort Diskussionen anderer KomilitonInnen über die Hausarbeit Wochen später noch nachverfolgen konnte und so wertvolle Schlüsse für mich ziehen konnte. (Unbezahlte Werbung)

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2. Besprich die Lösungsskizze mit KomilitonInnen

Nach einer Blitzrecherche habe ich mich im nächsten Schritt mit KomilitonInnen zusammengesetzt und über unsere Lösungsskizzen diskutiert. So konnte ich sichergehen, dass ich keinen großen Schwerpunkt übersehen habe. 

3. Starte keine Planänderungen mehr

Sobald deine Lösungsskizze steht, solltest du die Zeit nutzen, um alles „runterzuschreiben“ und mit Quellen zu belegen. Große Kursänderungen und tagelanges Grübeln über den Sachverhalt werden dir hier wertvolle Zeit stehlen. Bleib bei dem, was du dir vorgenommen hast und schreibe drauf los. Eine andere Lösung gibt es hier nicht. 

4. Halte die Form penibel ein

Wenn du inhaltlich bereits wenig Mühe in deine Hausarbeit investieren konntest, sollte dir das bei den Formvorgaben der Dozierenden auf keinen Fall auch noch passieren. Die korrigierende Person wird schnell merken, dass du unter Zeitdruck gearbeitet hast, wenn elementare Standards wie die Nummerierung oder das Literaturverzeichnis nicht ordnungsgemäß angelegt wurden. Hier zählt also definitiv der erste Eindruck. Kauf dir einen neuen Schnellhefter, achte darauf, dass deine Blätter nicht geknickt sind und kontrolliere unbedingt auf Rechtschreibfehler. 

5. Bleibe konzentriert, aber ruhig 

Dass du in diesen ein bis zwei Wochen nicht viel Freizeit haben wirst, kannst du dir vermutlich denken. Ich habe fast die komplette Bearbeitungszeit in der Bibliothek gesessen und danach zu Hause weitergearbeitet. Was ich aber vermieden habe, war es, mich verrückt zu machen. Auf den letzten Metern wird es dir nichts mehr bringen, dir selbst Vorwürfe zu machen („Wieso habe ich nicht früher angefangen?“) oder dir Horrorszenarien auszumalen („Wenn ich jetzt durchfalle, werde ich das nächste Semester nicht schaffen“). Ich würde dir auch davon abraten, Kaffee und Energy-Drinks in Massen zu konsumieren, weil sie ab einem bestimmten Punkt zu Herzrasen, innerer Unruhe und schlechterer Konzentration führen können. Versuche, trotz allem so viel zu schlafen, wie dein Körper es normalerweise braucht und spare lieber an anderen Ecken Zeit, z.B. könntest du wenig bis gar nicht kochen oder den Wochenputz ausfallen lassen. Das alles kannst du nach der Abgabe immer noch nachholen.

Falls du jetzt also tatsächlich in dieser Lage stecken solltest – halte durch und bleib dran, es lohnt sich! 

Empfehlen würde ich diese Taktik dennoch keinem. Sie ist sowohl mental als auch körperlich wirklich eine Herausforderung.

Hast du noch mehr Tipps für eine Last-Minute-Hausarbeit? Dann teile uns das doch gerne auf Instagram über @goldwaagejura mit.

Legal Bookclub: Der Prozess

Ein Roman von Franz Kafka (Unbezahlte Werbung)

Im August stellen wir euch Kafkas „Der Prozess“ für den Legal Bookclub vor. 

Der Bankangestellte Josef K. wird eines Morgens von Wächtern in seinem Haus geweckt, die ihm verkünden, dass er von nun an verhaftet sei und ein Strafprozess gegen ihn laufen würde. K. versucht daraufhin angestrengt, herauszufinden, auf welcher Grundlage er verhaftet wurde und wie er einer Verurteilung entkommen kann. Trotz seiner Verhaftung bleibt K. auf freiem Fuß und erlebt allerlei sonderbare Momente auf dem Weg zur Wahrheitsfindung. 

Dieser Roman ist anders als die bisher von uns vorgestellten, da er sich gewissermaßen in einer Parallelwelt abspielt, die LeserInnen sowohl verwirrt als auch nachdenklich stimmt.

Oft bleibt das Gefühl zurück, dass Kafka mehr Fragen aufwirft, als er beantworten kann. Sein Roman lebt von dem Unausgesprochenen und dem Mysterium, das Kafka hinterlässt.

Faszinierend fand ich die sprachliche und kulturelle Reise in die Vergangenheit, auf die man sich beim Lesen dieses mehr als einhundert Jahre alten Buches begibt. „Der Prozess“ lebt von der Interpretation jeder lesenden Person – ob man das Werk als Gesellschaftskritik oder als ein sehr persönlich, fast schon autobiografisch angelehntes Werk Kafkas verstehen möchte. 

„Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entlässt dich, wenn du gehst.“

Zitat aus „Der Prozess“, Kapitel 9

Warum ich dieses Jahr keine Workation mache

Wie Hustle Culture sogar unseren Urlaub beeinflusst

Der Hashtag #workation ist zurzeit sehr beliebt auf Instagram. Fast 200.000 Beiträge wurden bisher dazu veröffentlicht. Teilweise wird Workation sogar als der Trend des Jahres 2021 beschrieben.[1]

Doch was versteht man eigentlich unter dem Begriff „Workation“? Workation meint die Verschmelzung von Arbeit (work) und Urlaub (vacation).[2] Diverse Reiseanbieter werben damit, dass man zwischen Palmen sitzend alkoholfreie Cocktails genießen kann und gleichzeitig gut gelaunt seiner Arbeit nachgehen kann. Das klingt paradiesisch, luxuriös und gleichzeitig produktiv, oder? Leider nur auf den ersten Blick, wie ich finde. 

Abschalten ist wichtig – diesen Satz hört ihr immer wieder auf unserem Blog. Und mit Abschalten meinen wir nicht, dass man nach einem achtstündigen Arbeitstag angespannt und müde am Strand sitzt und sich Gedanken zum morgigen Meeting und den vierundzwanzig unbeantworteten Mails macht. Oder dass man entscheiden muss, ob man abends beim Barhopping durch die Altstadt mitmacht oder schon ins Bett geht, da am nächsten Morgen wegen der Zeitverschiebung um fünf Uhr der nächste Zoom-Call stattfindet. Das alles ist höchstens „Arbeitsalltag an einem anderen Ort“. 

Burnout-Risiko statt Erholung?

Die Psychologin und Urlaubsforscherin an der University of Tampere, Jessica de Bloom, ist sich sicher: Die Pause, die uns ein Urlaub bieten kann, soll uns dabei helfen, sich psychologisch von der Arbeit abzulösen.[3] Es komme beim Urlaub machen gerade darauf an, seinen eigenen Interessen verstärkt nachzugehen oder bewusst Zeit mit der Familie, Freunden oder sich selbst zu verbringen. Auch Prof. Dr. Michael Stark, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, unterstreicht die Wichtigkeit der bewussten Abgrenzung vom Alltag im Urlaub, um Stresssymptome und etwaige psychologische Krankheitsbilder zu vermeiden.[4]

Die Burnout Fachberatung listet „keine klare Abgrenzung zwischen Beruf und Privatleben“ sogar als einen Risikoerhöhungsfaktor für das Burnout-Syndrom auf.[5]

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Der Spagat zwischen perfekt erledigter Arbeit und gleichzeitig wohltuender Erholung, der von Reiseveranstaltern von Workations propagiert wird, löst wohl mehr Stressgefühle aus, als er jemals nehmen könnte. Das erwartete Idealbild von ArbeitnehmerInnen, die nach getaner Arbeit im Urlaubsort energiegeladen wieder zu Hause weiterarbeiten, ist in meinen Augen Utopie.

Diese Hustle Culture macht uns vielleicht effizient und erfolgreich, aber auf lange Sicht und mit unzureichender Entspannung vor allem eines: Krank. Die Mentalität „schneller, besser, weiter“ ist auch einer der Gründe, warum es unseren Blog gibt. Wir wollen euch zeigen, dass man leistungsstark Jura studieren kann, ohne seinen Schönfelder und fünf Skripte mit in den einzigen Urlaub nehmen zu müssen, den man gerade so vor lauter Stress noch einplanen konnte. Work-Life-Balance oder auch Jura-Life-Balance wollen wir daher in dieser neuen Themenwoche weiterhin normalisieren. 

Habt ihr bereits Erfahrungen mit Workations gemacht? Teilt uns das gerne auf Instagram unter unserem neuen Post auf @goldwaage.jura mit. 


[1] https://www.wilde.de/trend-des-jahres-2021-workation-die-acht-besten-destinationen-um-arbeit-und-urlaub-zu-verbinden/

[2] https://unternehmer.de/lexikon/existenzgruender-lexikon/workation

[3] https://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/psychologie-so-gelingt-der-perfekte-urlaub-a-912704.html

[4] https://www.psychologiebringtdichweiter.de/persoenlichkeit/tiefenentspannung-im-urlaub-wie-geht-das

[5] https://www.burnout-fachberatung.de/burnout-syndrom/burnout-ursachen.htm

Legal Bookclub: Jeder Mensch

Ein Buch von Ferdinand von Schirach [unbezahlte Werbung]

Für den Monat Juni habe ich mich dafür entschieden, das erst im April 2021 erschienene Büchlein „Jeder Mensch“ von Ferdinand von Schirach zu lesen.

Es beginnt zunächst mit einer historischen Einführung in die Menschenrechte und erläutert deren Ursprünge anhand der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und wichtiger Protagonisten dieser Zeit wie z.B. Thomas Jefferson, Benjamin Franklin und Marie-Joseph Motier, Marquis de Lafayette.

Nach der geschichtlichen Einordnung folgen die sechs Artikel: Sechs Grundrechte, um die von Schirach die Charta der Grundrechte der Europäischen Union erweitern möchte.

[Sechs neue] Grundrechte, die einfach sind, naiv und Ihnen utopisch erscheinen mögen. Aber genau darin könnte ihre Kraft liegen.

Ferdinand von Schirach

Der Autor ist der Meinung, dass unser Grundgesetz den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft nicht gerecht wird und somit einiger Ergänzungen bedarf. Regelungen zu Bereichen wie Globalisierung oder Künstliche Intelligenz seien nicht hinreichend bestimmt vom Grundgesetz abgedeckt, obwohl sie doch so wichtig für unsere sich ständig weiterentwickelnde Gesellschaft sind.

Von Schirach bietet auch Nicht-JuristInnen eine ganz neue – juristische -Perspektive auf die Fragen, die wir uns bereits seit Jahren stellen und auf deren Antworten wir gespannt warten. Wie wird in Zukunft mit unserer digitalen Selbstbestimmung verfahren? Wie weit darf Künstliche Intelligenz gehen? Wie lange kann die zur Ermöglichung westlichen Luxus‘ erfolgende Ausbeutung von Menschen und unserer Umwelt noch erfolgen?

Am Ende des Buches befindet sich ein QR-Code, über den man für diesen neuen Entwurf von Grundrechten in Form einer Petition unterschreiben kann. Ich habe es bereits getan.

Fünf Dinge, die ich gerne vor meinem Jurastudium gewusst hätte

Falls du gerade deine Abiturprüfungen schreibst und nun überlegst, ob ein Jurastudium für dich in Betracht kommt, bist du hier genau richtig. 

Ich erzähle dir hier von einigen Dingen, die ich gern gewusst hätte, bevor ich mit Jura angefangen habe. 

  1. Die Studieninhalte sind nicht wie bei „Suits“

Was selbstverständlich klingt, wird von einigen AbiturientInnen – wie mir damals – leider oft vernachlässigt: Die Studieninhalte vor der Bewerbung um einen Studienplatz genau anzuschauen. Viele haben, wenn sie an Jura denken, bereits ein völlig falsches Bild vor Augen: „Jura ist trocken; man muss Gesetze auswendig lernen; später arbeitet man wie bei Suits oder How to get away with murder“. Das Studium ist aber überhaupt nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich hätte nicht gedacht, dass es so extrem theoretisch, dogmatisch und teilweise kleinkariert wird und dachte, dass man von Tag eins an in den Vorlesungen spannende Kriminalfälle bespricht. Es lohnt sich also, sich vor der Bewerbung ein wenig in BGB AT, Grundrechte oder Strafrecht AT hineinzulesen, weil das der tatsächliche Stoff sein wird, den man im ersten Semester lernt. 

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2. Das Studium ist länger, als du denkst

Ich dachte damals, dass man mit Jura bestimmt nach etwa fünf Jahren fertig sei. Das stimmte leider nicht so ganz. Das Hauptstudium dauert nach der Regelstudienzeit 9 Semester, realistisch sind jedoch im Durchschnitt 11,3 Semester – also etwa fünfeinhalb bis sechs Jahre. Dann wird das erste Staatsexamen geschrieben. Hiernach absolviert man ein zweijähriges Referendariat an unterschiedlichen Stationen (z.B. Gericht, Staatsanwaltschaft,..). Darauf folgt logischerweise das zweite Staatsexamen. Insgesamt ist man also, bis man tatsächlich VolljuristIn ist, durchschnittlich ca. siebeneinhalb bis acht Jahre in der Ausbildung. Wer gern lange studieren möchte, ist mit Jura gut beraten. Wer aber relativ schnell Geld verdienen möchte, muss hier eventuell noch einmal die Prioritäten überdenken. 

3. Jura hat eine eigene Sprache

Vor Antritt des Studiums war mir weiterhin nicht bewusst, dass man im Jurastudium fast ausschließlich im Gutachtenstil arbeitet. Alle Klausuren und Hausarbeiten werden nach einem bestimmten Muster verfasst: Obersatz, Definition, Subsumtion, Ergebnis. Was kompliziert klingt, ist eigentlich ziemlich nachvollziehbar, wenn man sich eine Beispielklausur anschaut. Es muss dir aber bewusst sein, dass du im Jurastudium normalerweise z.B. keine Essays schreibst und somit nicht dazu kommst, in Klausuren und Hausarbeiten deinen Gedanken und deinem Schreibstil freien Lauf zu lassen. Es gibt genaue Vorgaben für den Stil, den man einzuhalten hat, was sicherlich auf kreativ Schreibende und Denkende abschreckend wirken mag.

4. Hausarbeiten sind keine Aufsätze

Es ist nicht möglich, wie in anderen Studiengängen mithilfe von drei bis fünf Lehrbüchern eine ganze Hausarbeit innerhalb einiger Tage zu verfassen. Als Richtwert für eine Anfängerhausarbeit kann man ca. 20 Lehrbücher & Gesetzeskommentierungen und einige Aufsätze und Gerichtsurteile nehmen. Eine typische Bearbeitungszeit für eine Hausarbeit liegt bei ca. vier Wochen, inklusive genauester Recherche und Zitation, bei deren Nichtbeachtung es Punktabzug gibt. Wenn man sich aber einmal in das Thema Hausarbeit eingearbeitet hat, findet man sich auch hier gut zurecht. Formal und inhaltlich saubere Ausarbeitungen werden definitiv belohnt, sodass du in den Hausarbeiten oftmals bessere Punktzahlen als bei Klausuren erreichen kannst.

5. Ständig muss man Fälle lösen

Typische Klausuren (außer eventuell im Schwerpunktbereich) laufen niemals im Multiple-Choice-Format oder durch eine „offene Fragestellung“ ab. Wie in den Hausarbeiten liegt auch bei den Klausuren für die Bearbeitung ein Fall zugrunde, den du hier innerhalb von zwei Stunden zu lösen hast. Oft lautet die Fragestellung z.B.: „Welche Ansprüche stehen K (Käufer) gegen V (Verkäufer) zu?“ oder „Wie hat sich T (Täter) strafbar gemacht?“. Für die Lösung dieser Fragen darfst du den Gesetzestext benutzen – um den richtig anwenden zu können, benötigst du jedoch einiges an Hintergrundwissen.

6. Fazit

Das Ziel des Artikels ist trotz der vielen Informationen auf keinen Fall, dir vom Jurastudium abzuraten. Ich möchte dir vielmehr ein realistisches Bild von dem vermitteln, was auf dich zukommt. So kannst du dir genau überlegen, ob Jura die richtige Studienwahl für dich ist. Ein Spruch, der sich immer wieder in allen Lebenslagen bewahrheitet, ist: „Wo ein Wille, da ein Weg“. Wenn du dich belesen hast und immer noch für die Idee brennst, JuristIn zu werden, dann kann ich dir definitiv zu diesem Studium raten. Wer die Motivation und das nötige Interesse besitzt, kann mit Jura sehr glücklich werden und durchstarten.

Legal Bookclub: Der Vorleser

Ein Roman von Bernhard Schlink [unbezahlte Werbung]

Diesen Monat habe ich ein etwas anderes Buch für den Legal Bookclub gelesen. „Der Vorleser“ beginnt zunächst mit einer verbotenen Liebe, entpuppt sich jedoch rasch als ernstes Werk, das sich auch mit den Schicksalen der Opfer und Täter des Nationalsozialismus auseinandersetzt.

Der Autor Bernhard Schlink analysiert als ehemaliger Richter und Professor für Öffentliches Recht, aber vor allem als sehr genauer Beobachter, einen NS-Prozess mit seinen emotionalen und juristischen Facetten.

„Daß einige wenige verurteilt und bestraft und daß wir, die nachfolgende Generation, in Entsetzen, Scham und Schuld verstummen würden – das sollte es sein?“

Bernhard Schlink über die Erinnerungskultur und den Generationenkonflikt
Eine Geschichte über Liebe, Schuld, Verantwortung und Gerechtigkeit

Am meisten fasziniert hat mich die ungewöhnlich tiefe und unerschütterliche Liebe des Protagonisten zu seiner Partnerin. Eine Verbindung, die sich keiner Zeit, keinem Ort und keiner Lebenslage beugt.

Insgesamt ist der Roman keine leichte Lektüre, aber eine, die zum Nachdenken anregt, an Verdrängtes erinnert und an Bestehendem zweifeln lässt.

„SA

Jura abbrechen: Ja oder Nein?

Vermutlich haben sich viele in einer Klausurenphase oder kurz vor Abgabe einer Hausarbeit schon einmal gefragt: „Sag mal, will ich das überhaupt noch?“ Kleine Motivationstiefs und anstrengende Episoden gehören zu jedem Studium dazu. Doch was, wenn daraus mehr wird: Eine nicht enden wollende Grübelei, existenzielle Krisen und Zweifel? Ich gebe dir hier sechs Tipps, mit denen du dir Klarheit verschaffen kannst.

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Zuvor gilt noch zu sagen: Abbrechen ist kein Zeichen von Schwäche oder mangelndem Durchhaltevermögen- vielleicht gibt es einfach Berufe außerhalb von Jura, die besser zu dir passen.

Außerdem gilt es besonders in stressigen Zeiten, Ruhe zu bewahren und dir wenn möglich, ein paar Tage zu nehmen, in denen du abschaltest und nichts mit Jura zu tun hast. Wenn das nichts bringt und du immer noch mit dem Gedanken spielst, abzubrechen, helfen dir eventuell ein paar dieser Denkanstöße. Vielleicht hilft es dir ja auch, dir während des Lesens deine wichtigsten Gedanken aufzuschreiben.

  1. Interesse

Frage dich selbst: habe ich ehrliches Interesse an Jura? Gibt es zumindest ein Rechtsgebiet, bei dem es mir Spaß bereitet, Neues zu erlernen und die Zusammenhänge zu erschließen? Hierzu muss gesagt werden, dass Jura am Anfang des Studiums noch nicht so viel Sinn zu ergeben scheint. Der wirkliche Spaß besteht für viele darin, die Zusammenhänge zwischen Rechtsgebieten im Laufe der Zeit zu erschließen. Es lohnt sich, eine Weile dranzubleiben und kontinuierlich zu lernen. Vielleicht kommt mit dem Verständnis der Logik hinter Jura ja auch das weitergehende Interesse. 

2. Zukunft

Kannst du dir konkret vorstellen, später in einem bestimmten Beruf als JuristIn zu arbeiten? Gibt es Arbeitsfelder, die dich reizen und dir spannend vorkommen? Informiere dich über die vielfältigen Berufsmöglichkeiten und überlege, ob du in Zukunft einen dieser Berufe ausüben willst.

3. Alternativen

Hast du einen Plan B? Wie sieht er konkret aus? Klingt dieser nur in deiner Fantasie gut oder ist dies wirklich langfristig ein erfüllender Job, der dir je nach deinen Bedürfnissen z.B. Einkommen, Aufstiegschancen und Sicherheit bietet?

4. Leidensdruck

Wie fühlst du dich seelisch? Bist du andauernd frustriert, deprimiert und unzufrieden? Und liegt dies wirklich ausschließlich am Jurastudium oder fließen dort auch Zukunftsängste und eine Art Druck mit hinein? Wenn du den Störfaktor, z.B. eine unbändige Angst vorm Examen, in Gedanken greifst und für einen Moment so betrachtest, als wäre die Angst nicht da – geht es dir dann besser in Bezug auf das Studium? Mit anderen Worten: Versuche der Ursache für deinen Leidensdruck auf den Grund zu gehen und festzustellen, ob dieser wirklich dem Studium oder anderen – vielleicht nur gedanklichen – Hürden geschuldet ist.

5. Noten

Wie sahen deine bisherigen Noten aus? Dieses Fazit zieht man am besten erst nach ein paar Semestern und nicht gleich nach der ersten Prüfung. Falls deine Noten bisher überdurchschnittlich gut waren und du ein Prädikat nach dem anderen erzielst, scheint dir Jura wirklich zu liegen. Sollten aber nur die Noten stimmen und die restlichen Aspekte des Studiums für dich unzumutbar sein, wird auch dies allein dich im weiteren Verlauf des Studiums nicht mehr motivieren können. Andererseits: Wenn du öfter Prüfungen wiederholen musst, du dir ansonsten aber sicher bist mit Jura, solltest du weiter dranbleiben. Wo ein Wille ist, ist schließlich ein Weg. Natürlich sollte ein gesunder Realismus definitiv beibehalten werden. Wenn dir bereits die anfänglichen Rechtsgebiete absolut nicht einleuchten möchten und du stets und ständig vor der Zwangs-Exmatrikulation stehst, solltest du zumindest deine Lernmethoden hinterfragen oder einen Plan B für den Notfall bereithalten.

6. Der „innere Schweinehund“

Dies ist ein sehr persönlicher Punkt, an dem ich selbst tagtäglich zu knabbern habe. Angenommen, man hat in der Schule mit geringem Aufwand gute Noten erzielt und nie so richtig gelernt, intensiv zu lernen – was passiert dann? Logisch, im Jurastudium wird man erst einmal ins kalte Wasser geschmissen. Spätestens im Examen können sich 95% der faulen EinserschülerInnen aus Schulzeiten nicht mehr retten, denn jetzt müssen alle lernen. Wenn man dazu noch ein gemütlicher Mensch ist, der ungern stundenlang vor den Büchern sitzt und sich nur schwer motivieren kann, ist es leicht, am Sinn des Studiums zu zweifeln. Schnell wird auch die Menge des Stoffs überwältigend. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass der Stoff einem nicht mehr unzugänglich und trocken vorkommt, sobald man ihn einmal durchdrungen hat. Die eigene mangelnde Motivation kann jedoch überwunden werden; sie ist kein guter Grund, ein Studium zu beenden. Harte Arbeit und auch Dinge zu tun, auf die man nicht unbedingt Lust hat, gehören leider zu fast jeder Ausbildung und jedem späteren Beruf dazu.

Wenn dir also, so wie mir oftmals, lediglich die Bequemlichkeit im Wege steht, solltest du definitiv noch einmal versuchen, dich wirklich auf das Studium einzulassen. 

Kennst du noch weitere Gründe, ein Studium abzubrechen oder auf jeden Fall dabei zu bleiben? Kommentiere gerne unseren neuen Post zu diesem Artikel auf Instagram @goldwaage.jura.